Warum Greif und Lilie?

You can change your wife, your politics, your religion, but never, never can you change your favourite football team.

Eric Cantona

Das Maskottchen des SC Freiburg ist das „Füchsle“, ein Fuchs. Erdacht und erfunden 1993 vom mittlerweile berühmten Karikaturisten Christoph Härringer. Ziemlich lange blieb das Füchsle auch nur genau das: eine Zeichnung. Seit 2011 läuft es als reale Figur durch die Gegend und macht, was Maskottchen in der Bundesliga so machen… Mannschaft anfeuern, Publikum zuwinken und vermutlich auch auf Kindergeburtstagen erscheinen. Das Vereinswappen des SC Freiburg allerdings ziert ein anderes Wesen: Der Greif. Der Greif zählte in den vergangenen Jahrhunderten zu den verbreiteten Wappentieren, sowohl auf dem Schild als auch als Schildhalter. Man sieht ihn heute noch, wie er zusammen mit dem Hirsch das Wappen Baden-Württembergs hält. Auf dem SCF-Wappen ist nur sein Kopf zu sehen, was etwas unvorteilhaft für ihn ist, weil man ihn so auch für einen Adler halten könnte – oder für ein geköpftes Suppenhuhn. Dass ein Greif eigentlich den Körper eines Löwen (vereinzelt auch eines Drachen, eines Pferdes oder eines Fisches) hat, sieht man ihm natürlich am Kopf nicht an. Selbst die typischen Greifenohren fehlen dem SC-Greif. (Böse Zungen behaupten übrigens, der Ursprung des Greifs auf dem SC-Wappen liege gar nicht an seiner Rolle als Schildhalter des Südbadischen Wappens, sondern an seinem Auftreten auf dem Firmenlogo der Freiburger Brauerei Ganter. Mir fiele jetzt aber wirklich nicht ein, was Bier mit Fußball zu tun haben könnte…).

Der SC Freiburg der frühen Neunziger war mein Erweckungserlebnis. Die Ära Finke, der Aufstieg, die erste Bundesligamannschaft 1993/94 mit Jörg Schmadtke, Cardoso, Ralf Kohl, Jens Todt, Andi Zeyer und Uwe Wassmer, in den Jahren darauf dann mit Spielern wie Jörg Heinrich, Alain Sutter und Harry Decheiver. Aufgewachsen war ich in Rheinhessen, damals eine Region ohne Bundesligafußball. Der FSV Mainz spielte in den Achtziger Jahren noch in der Amateurliga Südwest, Frankfurt und Kaiserslautern waren etwa gleich weit entfernt – viel zu weit für einen Schüler, und außerdem völlig andere Standorte und Regionen, die nichts mit meinem Alltag zu tun hatten. In meiner Geburtsurkunde allerdings ist amtlich festgestellt, dass ich in Baden geboren bin (auch wenn ich mich daran nicht erinnern kann). Ich fühlte mich also mit Fug und Recht dem SCF hingezogen. Nicht nur als „Erfolgsfan“ der damals so neuen und spannenden „Breisgau-Brasilianer“, die schon Pressing, Flachpass und mittelfeldorientiertes Ballbesitzspiel ohne echten Stürmer spielten, als Deutschland noch tiefstes Libero-Land war.

2001 ging ich zum Hauptstudium nach Freiburg (für die Jüngeren: damals unterschied man nicht zwischen „Bachelor“ und „Master“, sondern zwischen „Grundstudium“ und „Hauptstudium“… versunkene Zeiten), mein Studentenwohnheim lag direkt neben dem Dreisamstadion, selbst wenn man nicht auf der Tribüne saß, konnte man die Spiele via Soundkulisse verfolgen; die folgenden drei bis vier Jahre verbrachte ich auf der Stehplatztribüne, inklusive des dritten Freiburger Abstiegs in die 2. Bundesliga (2002/03), der immerhin zur Folge hatte, dass man bei Spitzenspielen nicht mehr drei Stunden für Karten anstehen musste. Ich jubelte Richard Golz, Boubacar Diarra und Sebastian Kehl zu, hängte bei der Begrüßung an jeden Namen ein „-vili!!“ dran, und erlebte dann leider nur noch aus der Ferne die vier schweren Zweitliga-Jahre 2005 bis 2009 mit. Es wurde eine sehr weite Ferne: 2006 begann meine Arbeit in Vietnam. Dort gab es zwar relativ flächendeckend Bundesliga zu sehen, allerdings keine Zweite Liga. Auch den Tod des großen Vereinspräsidenten Achim Stocker konnte ich nur von weit weg betrauern.

SC-Fan bin ich bis heute.

Seit einigen Jahren lebe und arbeite ich nun in Darmstadt. Die unglaubliche jüngere Erfolgsgeschichte des SV Darmstadt 98 habe ich hautnah miterlebt: Das „Wunder von Bielefeld“ in der Relegation, den Doppel-Aufstieg und den historischen Vereinserfolg: Nach zwei direkten Bundesliga-Abstiegen in den Achtzigern schließlich 2016 erstmals die Klasse zu halten. Seit meinem Wegzug aus Freiburg lebe ich zum ersten Mal wieder in einer Stadt, die vom Fußballfieber gepackt ist, wo sich in der Straßenbahn Menschen über „ihren“ Fußballverein austauschen (und wildfremde Menschen in die Diskussion einstimmen), wo die Vereinswappen als Aufkleber an Laternen kleben, Fahnen aus den Fenstern hängen und Menschen am Wochenende zum Stadion pilgern. (In Hanoi klebten auch überall Aufkleber, allerdings waren es die Aufkleber des FC Barcelona, von Real Madrid und von Manchester United).

Man wechselt vielleicht seine Religion, aber niemals sein Fußballteam.

Aber es wäre mir schwergefallen, in den vergangenen drei Jahren nicht die Begeisterung aufzuschnappen, die die Darmstädter bis in die Bundesliga getragen hat. Die Geschichte, die Geschichten rund um den Verein der vergangenen jüngsten Zeit sind einfach zu schön. Es hat mir ungewohnt diebischen Spaß gemacht, mich vor den Fernseher zu setzen und einem völlig anderen Typ Mannschaft zuzusehen. Kurz- und Flachpass? Der SC Freiburg ist schon längst nicht mehr Alleinhüter eines besonders modernen Fußballstils, aber er hat immer noch die Tendenz, besonders schön zu spielen und dabei besonders schön zu sterben. „Ihr seid ein sehr sympathischer Verein“, sagen viele über den SCF, und dahinter steckt verdächtig häufig die Botschaft: „Danke für die 3 Punkte, ab heute wünsche ich euch, dass ihr gegen alle anderen gewinnt.“ Die Lilien des SV Darmstadt waren in den zwei Saisons 2014-16 das angenehm krasse Gegenteil. Man sah zu, wie Welle um Welle an gegnerischen Angriffen im Abwehrbollwerk versandete, um am Ende schimpften die Gegner und die gegnerischen Fans wie die Rohrspatzen über die angeblich dreckige und unfaire Spielweise (Zeitspiel! Schauspiel! Unmoderner Fußball!), und dahinter steckte dann eigentlich die Botschaft: „Wie zum Teufel haben wir denn heute hier verlieren können, wir Deppen?!“

Fußball ist heutzutage viel zu häufig ein Fernseh- und Ereignissport geworden. Fußball „vor Ort“ zu erleben ist aber noch immer etwas ganz Besonderes. „Vor Ort“ heißt sowohl, tatsächlich in der Stadt zu leben und die Fans im Alltag zu erleben: Als Arbeitskollegen, als Verkäufer oder als Zufallsbegegnungen. „Vor Ort“ heißt natürlich auch im Stadion zu sein. Ich lebe in Darmstadt. Ich bin nun hier „vor Ort“. Ich habe gar keine Lust, mich dagegen zu sperren, auch dem SV Darmstadt zuzujubeln.

2016/17 spielen der SCF und der SVD nun erstmals gemeinsam in einer Liga. Wem ich mehr zujubeln werde? Dem SC natürlich. Allerdings… sollte beim Aufeinandertreffen der beiden gerade zufällig der SV Darmstadt 98 die Punkte nötiger haben… mal sehen. Ihr könnt es vermutlich dann alle hier auf dem Blog verfolgen.

Man wechselt niemals sein Fußballteam. Aber, mal ehrlich: Müssen Väter sich unbedingt entscheiden, welches ihr Lieblingskind ist? Eben.