Welche Geschichte darf es denn sein?

Jeder sportliche Wettkampf ist eine Geschichte. Ohne Geschichte keine Spannung. Auch deswegen ist es häufig von eher mäßiger Spannung, wenn zum Beispiel zwei mittelmäßige Teams aufeinander treffen, die vorher noch nie gegeneinander gespielt haben. Auch deswegen tut man sich häufig schwer, bei Sportarten mitzufiebern, die man nicht kennt, oder deren Protagonisten nicht kennt. Sport braucht die Geschichte. Der Kleine gegen den Großen. Der fast schon Gescheiterte mit seinem nicht geglaubten Triumph. Der Weltmeister Deutschland gegen seine Nemesis Italien.

Die Geschichte von Frankreich-Deutschland wird in beiden Ländern unterschiedlich erzählt. In Deutschland ist es eigentlich keine richtige Geschichte. Zwischen 1986 und 2014 sind die beiden Länder in keinem großen Turnier aufeinander getroffen, und davor, gut, da gab es 1982 das Jahrhundertspiel, in dem eine deutsche Mannschaft mit Rumenigge, Kaltz, Förster und Breitner in der Verlängerung noch einen 1:3-Rückstand in einen Sieg im Elfmeterschießen verwandelten. Und dann natürlich diesen Zusammenstoß zwischen Schumacher und Battiston.

Ein Epos!

In Frankreich geht die Geschichte ganz anders. Da fragte man sich noch vor zwei Tagen, nachdem das Halbfinale von Sevilla von einem Sportsender als Wiederholung komplett übertragen wurde: „Ist Sevilla 1982 das größte Spiel in der Geschichte Frankreichs?“ Und ein Journalist antwortete: „Das war kein Fußballspiel, das war eine Tragödie. Ein Epos. Ein Leben!“ In diesen Dimensionen etwa bewegen wir uns. Man sollte dazu wissen: Die französische Mannschaft um Platini, Tigana, Rocheteau und Giresse gilt bis heute als eines der technisch perfektesten, magischsten, brilliantesten Teams der eigenen Sportgeschichte. Ein Team von Zauberern, Künstlern, Tänzern, die dem „schönen Spiel“ frönten – und die in diesem Halbfinale die deutsche Mannschaft eigentlich taktisch und technisch dominierten, um dann doch von den Deutschen brutal aus ihren Träumen gerissen zu werden. „Brutal“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Nachhinein, heißt es dann übrigens häufig, sei genau diese Niederlage die Keimzelle für den französischen Titeltriumph von 1984 gewesen. Eine aus Schaden klug gewordene, reifere, leicht veränderte Mannschaft, holte sich dann verdient die Europameisterschaft 1984. In diese Narrative passt dann nicht ganz, dass man sich 1986 bei der WM in Mexiko die zweite Klatsche gegen Deutschland abholte. Wieder ein Halbfinale. Eigentlich hätte es die „Revanche von Sevilla“ sein sollen, aber wie das mit Sportgeschichten so ist – manche davon bleiben im Konjunktiv. Frankreich hatte zuvor im Achtelfinale erst italien besiegt und im Viertelfinale Brasilien – Deutschland hingegen war gegen Marokko und Mexiko weitergekommen. Anders gesagt: „Die hatten vorher den viel leichteren Turnierverlauf.“ Jedenfalls machte die Bundesrepublik mit den Franzosen abermals sehr schnörkellos, sehr effektiv und nicht besonders zauberhaft mit den Franzosen kurzen Prozess.

Vergessen, vorbei…

1986 – das ist stramme 30 Jahre her. Ein sehr großer Teil der heutigen Fernsehzuschauer hat an damals keine Erinnerungen (zumindest keine eigenen), und auf die Fußballspieler trifft das komplett zu. Insofern darf man sich auch nüchtern fragen, inwieweit aus diesem großen Geschichtenstrang eigentlich eine Nicht-Geschichte geworden ist, die eher von Mythen und Legenden noch halbwegs am Leben gehalten wird.

Aber es gibt ja eine neue Geschichte. Sie beginnt 2008, bei der Qualifikation der U21-Europameisterschaft. Auftritt: Eine sehr, sehr junge Gruppe deutscher Spieler, die zum Teil in ihren Vereinen gerade ihre ersten Profi-Einsätze hinter sich haben. Darunter: Mats Hummels, Sami Khedira, Benedikt Höwedes, Manuel Neuer. In der Endphase kamen noch Jérôme Boateng, Mesut Özil und Toni Kroos dazu. (Da wir uns hier im „Greif und Lilien“-Blog befinden: Sandro Wagner spielte zwei Spiele in der Qualifikation). Für Frankreich standen unter anderem auf dem Platz: Ein junger Hugo Lloris, ein junger Yohan Cabaye, ein Blaise Matuidi, Moussa Sissoko und Dimitri Payet (der stand nicht auf dem Platz, aber im Kader). Die Qualifikation verläuft für Frankreich… nun, tragisch: Um sich für die Endrunde in Schweden zu qualifizieren, müssen sie nur noch das Playoff gegen Deutschland gewinnen. Das Spiel in Deutschland endet 1:1. Das Rückspiel in Metz dominieren dann zunächst die Franzosen: Sie erspielen sich Chance um Chance, aber sie treffen auf eine unüberwindliche Wand. Einen jungen Schalker Torhüter, der in der abgelaufenen Saison 2007/08 alle 34 Saisonspiele für die Gelsenkirchener im Tor stand und in der Champions League sich erst im Viertelfinale gegen Barcelona geschlagen geben musste. Manuel Neuer. „Er hat uns im Alleingang dominiert“, erzählt Romain Danzé (spielt heute bei Stade Rennes) der L’Equipe: „Als ich auf ihn einmal alleine zugelaufen bin, hat er mit seiner Präsenz dermaßen das Tor ausgefüllt, dass ich mich fragte, wohin in den Ball überhaupt schießen soll? Ich habe ihn ihm dann direkt in die Arme geschossen.“ Trotzdem: Bis zur 90. Minute steht es 0:0. Nach der Auswärtstorregel fahren die Franzosen zur Finalrunde 2009 in Schweden. Bis Benedikt Höwedes in der 90. Minute das entscheidende 1:0 macht. Frankreich ist gescheitert. An den Deutschen. Mal wieder.

Eine andere sehr unterschiedlich erzählte Geschichte

Und die Geschichte geht weiter. Brasilien, 2014. Was für die Deutschen ein kleiner Baustein auf dem Weg zum Titel ist, und in der Narrative abermals etwas verblasst hinter dem glorreichen 7:1 gegen Brasilien oder dem Zittersieg gegen Algerien, ist für die Franzosen abermals ein Drama. Denn sie fühlen sich den Deutschen lange Zeit durchaus ebenbürtig. Allein – sie treffen das Tor nicht. Das macht Mats Hummels, der im Kopfballduell abgeklärter und technisch sauberer reagiert als ein gewisser Paul Pogba, 2014 mit seinen 21 Jahren noch sehr, sehr jung. Am Ende muss ein Spieler namens Griezmann, ebenfalls sehr noch ein junges Küken, mit Weinkrämpfen von seinen älteren Kollegen Mavuba und Mangala getröstet werden.

Alle Zutaten also bereit für eine Fortsetzung, am 8. Juli.

Die Frage ist nur: Welche Geschichte wird uns diesmal präsentiert. Besiegt Frankreich zum ersten Mal seit den 50er Jahren wieder eine deutsche Mannschaft in einem Großturnier? Dürfen sich Griezmann, Pogba und Lloris für die vergangenen Niederlagen rächen? Wird die Europameisterschaft 2016 zu dem Turnier, in dem erst Deutschland seine Nemesis Italien besiegt und anschließend Frankreich die Nemesis Deutschland? Oder kegeln die Deutschen abermals eine glorreiche Generation französischer Spieler aus dem Turnier und machen es dann wiederum einer anderen großen französischen Fußballgeneration nach: Erst Weltmeister, dann Europameister?

Trainerfuchs oder Sündenbock?

Geschichten wären ja so einige denkbar. Gut, Mats Hummels fällt diesmal leider aus, der kann sein Tor nicht wiederholen. Dafür spricht nach aktuellem Stand gar nicht so viel dagegen, dass eventuell der 22-jährige Samuel Umtiti die Chance der Sperre von Rami genutzt hat, um sich auch für das Halbfinale gegen die Deutschen ins Spiel zu bringen. Was wiederum so einige mögliche Geschichten auf den Plan ruft: Umtiti ist zweifellos technisch besser als Rami, und er beherrscht die Spieleröffnung, was dem Mittelfeld erlauben würde, nicht ständig in die Innenverteidigung abkippen zu müssen. Dafür hat er natürliche Schwächen aufgrund seiner mangelnden Erfahrung. Rami wiederum spielte, allen Unkenrufen zum Trotz, bislang solide – wurde aber auch vergleichsweise wenig gefordert. Egal, für wen sich Didier Deschamps entscheidet, es könnte eine Entscheidung werden, die entweder ihn zum „Trainerfuchs“ oder einen Innenverteidiger zum Sündenbock macht.

Und dann die Frage: Spielt sich die französische Mannschaft, entgegen sämtlichen Statistiken der vergangenen Sieger von Europa- und Weltmeisterschaften zum Trotz, etwa ins Finale, indem sie in fast jedem Spiel das Personal und die Formation ändert? Nach der Auftaktformation mit dem Mittelfeld Pogba, Kanté und Matuidi plötzlich der teils ermüdungsbedingte, teils halbdisziplinarische Ausfall von Griezmann und Pogba, im dritten Spiel gegen die Schweiz dann der dreifache Test von Cabaye, Sissoko und Gignac. Gegen Irland erst der Seitenwechsel von Pogba und Matuidi, dann die erfolgreiche Umstellung auf das 4-2-3-1 mit Coman auf Außen und Griezmann zentral – und gegen Island wieder Griezmann zentral, diesmal aber mit Sissoko auf Außen. Deschamps hat bislang im Turnier gewechselt, probiert und geändert, dass einem schwindlig werden konnte. Was probiert er gegen Deutschland?

Zahlenspiele

Sissoko scheint mit Pogba gut zu harmonieren, und bietet eine Alternative als Absicherung, wenn Pogba nach vorne geht (was dann das 4-2-3-1 doch wieder eher in eine Art 4-3-3 veränderte). Andererseits sagt genau diese Beschreibung auch bereits: Es fehlt dann ein echter, nomineller Abräumer vor der Abwehr, der der noch immer nicht ganz sattelfesten Defensive zusätzliche Stabilität verleiht. Und zusätzlich ein Spieler, der die Zentrale dicht und damit Özil das Leben schwer macht. Der könnte Kanté sein – was wiederum Sissoko auf die Bank verbannt und die Franzosen jener zusätzlichen Position im Angriff beraubt, die gegen Irland (2. Halbzeit) und Island so gut funktioniert hat. Außerdem wäre Griezmann damit wieder jener inspirierenden Freiheit beraubt, die er erst in der zentralen Position gefunden zu haben scheint.

Nun ist Deutschland nicht Island. Und auch nicht Irland. Und tatsächlich steht Deschamps ein wenig vor einer Entscheidung, die plötzlich wieder mit einer ganz anderen Geschichte zu tun hat, einer sehr deutschen Geschichte und der Diskussion, ob sich ein Trainer an den Gegner anpassen soll, oder lieber seiner Mannschaft ermöglichen soll, möglichst flüssig zu spielen. Das ist in diesem Fall (anders als bei der Scholl vs. Löw Debatte) tatsächlich mal eine valide Frage, denn vereinfacht zusammengefasst wäre das 4-2-3-1 mit Sissoko die Formation, in der sich die Franzosen zuletzt am wohlsten fühlten und ihre geballte offensive Kraft, die ihnen so viele vor dem Turnier zugeschrieben haben, tatsächlich auf den Platz bringen – das eigentlich angestammte 4-3-3 hingegen wohl die gegen einen starken Gegner Deutschland die sichere, kompaktere aber auch etwas zahnlosere Variante.

Und was ist mit Paul?

Das wiederum könnte noch eine weitere Geschichte lostreten: Die Geschichte von Paul Pogba, der vor dem Turnier ausersehen worden war (und sich selbst ausersehen hat) als strahlender Held und dominierender Mittelfeldspieler. Er stünde im 4-2-3-1 noch weiter hinten, müsste sich noch etwas mehr der Mannschaftsdisziplin unterwerfen, und ist zwar interessanterweise in dieser etwas defensiveren Rolle tatsächlich effektiver, aber auch zweifellos weniger flamboyant, weniger funkelnd.

Welche Geschichte darf es denn sein? Drama, Heldensage, Tragödie… Ich wage zumindest mal die Vermutung, dass wir kein Jahrhundertspiel wie Sevilla 1982 sehen werden. Andererseits… wer weiß das schon vorher. Dieses 7:1-Halbfinale 2014 hätte sich auch niemand träumen lassen. Ich bin der Beweis. Ich hatte, in Asien lebend, mit sechs Stunden Zeitverschiebung, die erste Halbzeit verschlafen. Zumindest das kann mir diesmal nicht passieren. Es sei denn, mein kleiner Sohn zerstört kurz vor Anpfiff den Fernseher.

Das sind dann Geschichten, die wirklich niemand erleben will.

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