Pogba, der Wolpertinger

Es gibt vermutlich keine Zeitung und kein Magazin in Frankreich, das in den vergangenen Wochen nicht entweder ein großer Porträt oder ein Interview mit Paul Pogba veröffentlicht hat. Die jüngsten Beispiele sind das neu in Frankreich gestartete Fußballmagazin „98“ (ein Ableger des englischen „Eight by Eight“) und das etwas kulturverspielte, gerne querdenkende Fußballmagazin „So Foot“. Beide tragen Pogba auf dem Cover. Es sind aber nur zwei Beispiele von vielen, die Pogbamania erstreckt sich auch auf Tageszeitungen wie den Figaro, die mit „Exklusiv-Interviews“ aufwarten. Jeder will Pogba exklusiv, jeder weiß, dass das französische Publikum einen klaren Favoriten für den großen Star der EM hat.

„Ich will alles machen“

Paul Pogba selbst schreckt davor auch nicht zurück. Sein Credo, das er bereits seit Jahren vorträgt, lautet nach wie vor: „Ich will der beste Mittelfeldspieler der Welt werden.“ Was er darunter versteht, hat er unter anderem im jüngsten Interview mit So Foot noch einmal verdeutlicht, das übrigens in leicht gekürzter Form aber sehr guter Übersetzung auch Bestandteil des aktuellen 11Freunde-Sonderhefts zur EM ist. Darin erklärt er, dass er „eine neue Art von Mittelfeldspieler sein will“. Und der macht was? „Alles. Er erobert Bälle. Er verteilt Bälle. Er macht das Spiel. Er weiß, wie man intelligente Pässe schlägt. Und er schießt Tore.“ Mal abgesehen von der Frage, ob das nicht sowieso die Beschreibung eines modernen Box-to-Box-Spielers ist, ist natürlich das daraus abzuleitende Selbstverständnis interessant. Oder anders gesagt: Man kann Pogba aktuell jedenfalls kein mangelndes Selbstbewusstsein vorwerfen. Im Sommer wechselte er bei Juventus Turin die Rückennummer. Auf die bis dahin vakante Nummer 10. Vorgänger? Roberto Baggio, Michel Platini und Alessandro del Piero. Das Wort, das er aktuell in seine Frisur eingefärbt hat, lautet „POGBOOM“. Noch Fragen?

Weiß Pogba, was seine Stärken sind?

Man könnte zumindest mal fragen, ob die Idee mit der Nummer 10 vielleicht die Idee eines Marketingmanagers war. Und ob sie tatsächlich so klug war. „Pogba braucht Ruhe“, mahnt Nationaltrainer Didier Deschamps. „Er sollte dringend als Person gesehen werden, und nicht als Persönlichkeit.“ Tatsächlich schiebt er sinngemäß noch nach: „Das einzige was zählt, ist auf dem Platz.“ Auf dem Platz bekam Pogba weder der Trubel, noch das Trikot mit der Nummer 10. Sein Trainer stellte ihn tatsächlich offensiver auf, was so in etwa zu seiner schlechtesten Serie an Spielen führte. Erst als Pogba wieder etwas zurückgezogen positioniert wurde, konnte er sich wieder in Szene setzen. Pogba, so scheint es, braucht Platz vor sich, um seine körperliche Physis, seine Schnelligkeit, und sein Auge für Spielsituationen einsetzen zu können. Pogba ist auf dem Platz ja gerne mal eine Art Wolpertinger. Er hat Flüge, Zähne, Klauen. Und insofern hat er mit seinem „ich will alles machen!“ auch ein wenig recht: Er kann sowohl wie ein lässiger General von hinten das Feld überblicken, als auch plötzlich zu einer Art Zehn-Zentner-Gazelle werden, die auf den Gegner zurennt. Nur kann er in schlechten Spielen auch so abtauchen, dass man sich wieder fragt, ob es ihn überhaupt tatsächlich gibt, den Wolpertinger. Den Platz, den er braucht um all seine vielfältigen Stärken zum Strahlen zu bringen, hat er entweder etwas tiefer spielend, oder zumindest auf einer Seite positioniert, am besten beides gleichzeitig und vor allem unberechenbar in Bewegung. Deschamps sieht das übrigens genauso, und stellt ihn in der Nationalmannschaft in seinem beliebten 4-3-3 ins rechte Mittelfeld. Vor sich zum Beispiel einen schnellen Läuferstürmer wie Griezmann, einen gerne mal nach innen ziehenden Payet und einen eher nach vorne orientierten Matuidi. „Ein Mittelfeldspieler muss auch verteidigen“, mahnt Deschamps immer wieder, und: „Er soll simpel spielen.“ Appelle, die bisweilen auf taube Ohren fallen. Ein Dribbling, das sei doch simples Spiel, verteidigt sich Pogba. Vor allem, wenn man es so gut beherrsche wie er. Er klingt dabei ein wenig wie der 23-jährige junge Kerl, der er nun mal ist.

Zwischen Bolzplatzromantik und Elitenförderung

Pogbas Karriere begann auf dem Bolzplatz, im Fußballkäfig – eine Geschichte, wie man sie von der heutigen Generation der deutschen Nationalspieler mittlerweile immer seltener hört. Die Brüder Boateng spielten als Jungs ebenfalls in den Bolzplatzkäfigen, aber die sind ja auch schon wieder ein paar Jahre älter. Interessanterweise begründet Pogba seine heutige Kopfballschwäche darin, dass sie als Jugendliche damals ohne Eckbälle spielten. Er sah keinen Grund, zu springen. Im Zweifelsfall konnte man sich da nur auf dem harten Boden verletzen. Aller Bolzplatzromantik zum Trotz: Ganz so weit von den Lebensläufen der von Kindheit an durch die Akademien der Vereine geschleusten Nationalspieler ist Pogba dann doch nicht weg. Mit 14 war er bereits in der Jugendmannschaft von Le Havre, die sich in Frankreich einen Namen mit guter Jugendarbeit gemacht haben, und nur zwei Jahre später wurde er von Manchester United entdeckt, und… nunja, Le Havre behauptete: „gestohlen“. Der Fall ging bis zur FIFA und war 2009 eingebettet in eine nationale Kontroverse darüber, dass vor allem englische Clubs sich allzu freizügig in französischen Jugendakademien bedienten. Am Ende gab die FIFA im Fall Pogba Manchester United recht und beide Clubs einigten sich stillschweigend.

Was mit einer Kontroverse beginnt…

United sah dann selbst in die Röhre, als Pogba drei Jahre später (davon zwei Jahre in der Jugendakademie und erst insgesamt drei Profieinsätze) erklärte, er wolle zu Juventus wechseln. Ein Schritt, der nicht unbedingt logisch erschien, und der in seiner Art und Weise schon Karrieren beerdigt hat: Weg von einem Verein, der den Ruf hat, auf junge Spieler zu setzen – hin zu einem Verein, der diesen Ruf nun so überhaupt gar nicht hat. Und wo der junge Pogba in der Hackordnung im Mittelfeld drei Männer vor sich hat: Andrea Pirlo, Arturo Vidal und Claudio Marchisio. Es gibt bessere Perspektiven. Pogba schaffte es dann, sich in Turin so in Szene zu setzen, dass Trainer Conte nach nur etwa einer halben Saison entscheidet, sein System so anzupassen, dass er Pogba als Stammspieler in die Mannschaft integrieren kann. Um es mal mit einem Wort zu sagen: „POGBOOM!“. Wohlgemerkt: Pogba Version 2012 war noch nicht das, was er heute ist. Er hatte schlechte Spiele, er hatte Aussetzer, er war unbeherrscht, noch verspielter, ihm fehlte ein großer Batzen Spielverständnis. Schon bei der WM 2014 galt er als die kommende Erlösung, der junge Retter, der aufsteigende Stern der französischen Nationalmannschaft, und am Ende blieb davon nur ein vages Versprechen. Er wurde immerhin zum besten Nachwuchsspieler des Turniers gewählt, aber die wirklich großen Momente sind nicht in Erinnerung. Im Achtelfinale köpft Pogba die Franzosen gegen Nigeria mit einem späten 1:0 weiter – bis dahin war es aber eine ziemliche Zitterpartie, die Nigeria sogar gewinnen hätte können. Im Viertelfinale kochen die Deutschen dann den Franzosen den Schneid ab.

Letzte Eindrücke: Das 3:0 gegen Schottland

Die Vorzeichen 2016 sind ohne Zweifel ganz andere. Letzte Wasserstandsmeldungen vor dem Turnierstart? Gegen Schottland spielte Pogba rechts von Kanté, etwas tiefer als zuvor in Nantes gegen Kamerun. Er blieb auch tief, orientierte sich häufig an der Mittellinie, ging allerdings auch kaum richtig entscheidend nach vorne. Stand gut, zeigte gutes Pressingverhalten, hatte die meisten Ballkontakte. Im Grunde also einerseits genau das defensiv orientierte Spiel, wie es zuvor von Deschamps angemahnt worden war, aber wir reden hier eben von Pogba. Deschamps mag zwar das simple Spiel anmahnen, aber er weiß natürlich auch, dass Pogba das kreative Epizentrum von Les Bleus sein kann. Er glaubt eben nur erkannt zu haben, dass eine gewisse Zähmung mehr spielbestimmende Kreativität freisetzt. Und Pogba wiederum wird, gutes Stellungsspiel hin oder her, vom Publikum und den Medien immer daran gemessen werden, ob er technisch brilliert, ob er überraschende Ideen hat, ob er Räume öffnet, und zum entscheidenden Dribbling oder Pass ansetzt. Und die Bilanz in dieser Kategorie fiel in den jüngsten Freundschaftsspielen eher mäßig aus. Er war bemüht. Er zeigte überzeugendes Kurzpassspiel, aber die langen, die möglicherweise entscheidenden Pässe, kamen nicht an. Tatsächlich waren gegen Schottland insgesamt von seinen 92 Pässen nur sechs ohne Abnehmer – aber genau dieses halbe Dutzend waren jene, die ins Angriffsdrittel zielten. Frankreich wird sich gerade in der Vorrunde auf einige sehr solide Defensivblöcke einstellen müssen, auf Teams die sich, wie es die Jungs von Spielverlagerung.de in ihrer EM-Vorschau formulieren, „mit drei Mal 0:0 in die K.O.-Phase mauern wollen“. (Das ginge tatsächlich, angesichts dieses seltsamen Turniersystems, bei dem auch Gruppendritte noch ins Achtelfinale einziehen).

Die Parallelen zu 1984

1984 gewannen die Franzosen bekanntlich eine Europameisterschaft im eigenen Land. Es war das Turnier von Michel Platini. Der spielte in diesem Jahr bei Juventus (!), war bereits der Star der italienischen Liga, und setzte sich mit der internationalen Trophäe die Krone auf. Er war tatsächlich in jedem Spiel präsent, und selbst in denen, in welchen er nicht präsent war (das Eröffnungsspiel gegen Dänemark zum Beispiel, das die Dänen ihm mit Dauermanndeckung gründlich verleideten), entschied er durch ein Tor. Dabei war Platini nicht nur einfach grandioser Einzelkönner, sondern er verstand es auch, die Spieler um ihn herum in Szene zu setzen. Ergebnis: Das in Frankreich berühmte „magische Viereck“ mit Platini, Alain Giresse, Luis Fernandez und Jean Tigana brillierte im Turnier. Man muss die Parallelen zu 2016 gar nicht mehr groß bemühen, sie drängen sich ja bereits auf. Und zweifellos liegt darin bereits das große Risiko des Fehlschlags: Schon vor Turnierstart an einem der größten Spieler Frankreichs (über den „Funktionär“ decken wir mal den Mantel des Schweigens) und einer der erfolgreichsten Mannschaften gemessen zu werden? Es gibt leichtere Aufgaben. Der großartige Autor und Journalist Philippe Auclair wagt schon mal die Prognose, dass Pogba der französische Spieler sein könnte, der am meisten enttäuscht.

Andererseits: Wenn es ihn tatsächlich einmal geben sollte, diesen „neuen Mittelfeldspieler“, der alles kann und alles ein wenig anders macht, als alle anderen – dann wäre aktuell wohl tatsächlich Pogba der Kandidat für diesen Job. Und, klar: Man würde diesen Wolpertinger-Supermann ja schon gerne mal sehen. Bislang sind diese Wolpertinger ja eher Fabelwesen. Ob es ihn im Fußball tatsächlich gibt…? Die Antwort liefert dann wohl der Sommer 2016.

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