Vor dem Spiel FRA-ROU

Die folgenden Absätze sind eine wilde Mischung aus Informationen aus den französischen Medien, eigenen Wissensschnipseln, eigenen Gedanken und sonstigen Fundstellen. Ziel: Alles zu sammeln, was zwei Tage vor Anpfiff des Eröffnungsspiel der Europameisterschaft 2016 interessant sein könnte.

„Ich denke seit zwei Jahren an diesen 10. Juni“, erklärte Deschamps am Mittwoch der Sportzeitung „L’Equipe“. Und: habe vor einem Turnier noch nie so eine öffentliche Zustimmung erlebt. Und er hat ja nun einige Turniere erlebt. Seine Mission war ja nicht einfach: Als er nach der EM 2012 zum Nationaltrainer wurde, war das Image der „Bleus“ noch immer ramponiert. Der Skandal von Knysna war noch längst nicht verarbeitet, vor der EM stellte das Team zwar eine beeindruckende Serie ungeschlagener Spiele auf, um sich dann aber aus dem Turnier mit nur einem Vorrundensieg und zwei aufeinanderfolgenden Niederlagen zu verabschieden: Das letzte Vorrundenspiel 0:2 gegen Schweden, dann ein recht planloses 0:2 im Viertelfinale gegen Spanien – abermals begleitet von Berichten über Spieler, die sich neben dem Platz und in der Kabine zanken und gegen Journalisten pöbeln. Deschamps startete seine Ära, indem er 39 verschiedene Spieler testete und „die neue Mannschaft“ suchte.

Ein kleiner „Ü50“-Club

Er bemühte sich, die Spieler wieder dem Publikum zugänglicher zu machen, bis zu dem Punkt, an dem ihm manche heutzutage vorwerfen, das sei alles „reine PR“. Deschamps widerspricht: Mir ist wichtig, dass das keine PR ist, sondern ich will, als Trainer, dass die Spieler den Kontakt zu den Fans haben. Allerdings nicht jetzt, nicht in der Woche vor dem Start. Auch dafür müsse es Verständnis geben. Auch „zu großen Druck“ will er nicht gelten lassen. „Wir brauchen das Adrenalin, die Aufregung, das sind gute Dinge.“ Allerdings: Die andere Seite des Neubeginns ist, dass die Mannschaft vergleichsweise wenig Erfahrung mit Länderspielen hat. Wer mehr als 50 Spiele hat, gehört schon zu den Etablierten. Dazu gehören Torwart Hugo Lloris (75) und die Verteidiger Bacary Sagna (57) und Patrice Evra (73). Olivier Giroud kommt immerhin noch auf 49 Einsätze. Zum Vergleich: In der deutschen Nationalmannschaft stehen im Club der Ü50er Neuer, Hummels, Schweinsteiger, Khedira, Özil, Kroos, Götze, Schürrle, Müller, Podolski und Gomez. Einige davon haben über hundert Einsätze. Selbst zwischen der WM vor zwei Jahren sieht man in der französischen Nationalmannschaft einen Schnitt: Nur 13 der 23 Spieler waren in Brasilien dabei. Allerdings liegt das auch an diversen Ausfällen: Noch vor einigen Monaten hätte die Startelf gegen Rumänien sicherlich Sakho (Dopingaffäre), Debuchy (verletzt), Varane (verletzt), Diarra (verletzt) sowie Benzema („Sextape-Affäre“) und Valbuena („Entscheidung des Trainers“) umfasst.

Verteidigung: Deschamps ist nicht nachtragend

Da jetzt also die Stamm-Innenverteidigung fehlt, wird neben Koscielny der 30-jährige Adil Rami (FC Sevilla) auflaufen, der ursprünglich gar nicht zum 23er-Kader gehörte – was die Presse in den vergangenen Tagen zu mehrfachen Fragen verleitet hat, warum Deschamps denn nicht Eliaquim Mangala von Beginn an spielen lasse, der immerhin von vorneherein für die EM nominiert war. Tatsächlich demonstriert Deschamps mit der Nominierung und Aufstellung von Rami einiges an persönlicher Gelassenheit, denn nachdem Rami zunächst nicht nominiert war, machte er erst einmal damit Schlagzeilen, dem Nationaltrainer falsches Spiel vorzuwerfen: Schließlich habe Deschamps ihm ausdrücklich geraten, nach Sevilla zu wechseln, weil dort seine Chancen auf Nominierung größer seien. Da sei es doch höchst unfair, ihn dann nicht zu nominieren! Eine Attacke, die Deschamps offenbar nun im stillen Kämmerlein ausgeräumt hat – Rami machte den Rückzieher, entschuldigte sich, und darf Startelf spielen, während Mangala sich nun gedulden muss. Einer der Gründe für die Entscheidung ist vermutlich, dass Koscielny auf der linken Innenverteidigerseite spielen kann, wenn Rami neben ihm aufläut – Koscielnys stärkere Seite.

Die andere Möglichkeit wäre gewesen, den verletzten Varane im Kader zu belassen und auf Heilung zu hoffen. Zu großes Risiko für Deschamps, der am Dienstag in der Pressekonferenz sagte: „Selbst, wenn wir auf eine schnelle Heilung hoffen und außer Acht lassen, dass Varane zum letzten Mal am 8. Mai spielte – ich hätte die Vorrunde nur mit drei Innenverteidigern spielen müssen.“ Vier Innenverteidiger und eine gute Mischung aus Rechts- und Linksfüßen – das ist Deschamps wichtig.

Mittelfeld: Das Genie zähmen

Ähnliches gilt für Lassana Diarra, der eigentlich für die Sechser-Position gesetzt war. Auch hier wollte Deschamps, wie er nochmal ausdrücklich bekräftigte, keinen halbfitten Spieler mitnehmen. Er geht also andere Wege als Joachim Löw. Immerhin: N’Golo Kanté beeindruckte Deschamps nicht nur durch gutes Stellungsspiel, sondern auch durch kluge Ballverteilung. „Dass er nie außer Atem kommt, hilft ebenfalls“, sagte Deschamps. Bei Paul Pogba hingegen bremste er, wie zuletzt mehrfach, die Erwartungen: „Das Publikum erwartet von ihm, dass er drei Tore schießt und Kunststücke macht. Mir reicht völlig, wenn er das tut, was er tun soll.“ Pogba habe zwar zweifellos technische Fähigkeiten, um die ihn andere beneiden, aber seine Aufgabe ist nicht, die Menge bei jedem Ballkontakt in Jubelstürme ausbrechen zu lassen. Auch hier ist die Marschrichtung klar: Deschamps will das Genie zähmen, in der Hoffnung, seine außerordentlichen Fähigkeiten dadurch am besten zu nutzen. Wie das ausgeht wird sicherlich eine der spannenden Fragen der EM.

Angriff: Payet scheint gesetzt

Bei den Angreifern lobte der Nationaltrainer, wie sehr sowohl Griezmann als auch Payet im vergangenen Jahr an ihren Aufgaben gewachsen seien. „Payet war früher viel schüchterner“, sagte Deschamps. Beide werden mit ziemlicher Sicherheit gegen Rumänien auflaufen. In den Testspielen waren vor allem ihre Bewegungsabläufe erstaunlich gut aufeinander abgestimmt, als würden sie sich aus dem Vereinsfußball kennen. Außerdem scheint Deschamps gegen die sicherlich tief und eng verteidigenden Rumänen auf zwei Außenstürmer zu setzen, die eher nach innen ziehen. Seinen Stoßstürmer Giroud verteidigte er gegen die (zuletzt etwas weniger gewordenen) Pfiffe aus dem Publikum: „Er schießt Tore. Er hat gerade seine effektivste Saison bei Arsenal hinter sich.“ Zwischen den Zeilen durfte man durchaus lesen, dass Deschamps sich über diese Attacken sehr geärgert hat.

Anschließend durften noch Koscielny und Angreifer André-Pierre Gignac vor die Presse. Letzterer ebenfalls eine im Grunde unglaubliche Nominierung: Als Deschamps noch Trainer von Olympique Marseille war, hatte er zu seinem damaligen Stürmer Gignac nicht das beste Verhältnis. Und spätestens als sich Gignac 2015 aus der Ligue 1 Richtung Mexiko verabschiedete, schien eine Rückkehr in die Nationalelf völlig ausgeschlossen. Angeblich hatte er Angebote von Lyon und Milan auf dem Tisch, oder, wenn es ihm um Geld gegangen wäre, vom saudischen Club Al Nasr – stattdessen ging er zu UANL Tigres, mit denen er die Liga gewann und ein Copa Libertadores Finale spielte. Am Ende stand, sicherlich auch befördert durch den Wegfall von Karim Benzema, die EM-Nominierung. Und Gignac erklärte prompt: „Deschamps ist ein sehr gradliniger, aufrechter Mensch, der bei seinen Entscheidungen nicht an persönliche Befindlichkeiten, sondern immer nur an das Team denkt. Meine Nominierung beweist das.“ In der PK am Dienstag zusammen mit Koscielny ging es ihm vor allem darum, die gute Stimmung zu unterstreichen. Gignac ist ein Gute-Laune-Mensch, einer, der auf seine Wurzeln als „gitane“ (Roma) stolz ist, und sich in der Rolle des klein wenig Extravaganten zweifellos gefällt.

Ein (französischer) Blick auf Rumänien

Die Startformation scheint damit klar – die Favoritenrolle auch. Die französische Presse erklärt mehr oder weniger unisono, dass man von der aktuellen Generation der Rumänen ja eigentlich nur noch Vlad Chiriches (Napoli) und Torwart Ciprian Tatarusanu (Fiorentina) kenne – und nur letzterer sei in seinem Club auch in der Startelf. L’Equipe fragt in einem größeren Artikel, warum Rumänien nicht mehr, wie früher, für Talente stehe, und landet als Antwort bei den Ausbildungszentren. Sie hätten schon seit 1990 keine Priorität mehr. Nur noch drei der Erstligaclubs hätten überhaupt Jugendakademien: Dinamo Bukarest, Universitatea Craiova und der FC Viitorul, ein Club, der 2009 von Gheorge Hagi gegründet, und nach drei Jahren in die erste Liga aufgestiegen war. Die „Academia de Fotbal Gheorghe Hagi“ ist heute die beste des Landes. Ein Vorbild für andere Clubs, aber eines, das für die EM 2016 zu spät kommt. Hagis Sohn Ianis ist seit August 2015 übrigens der jüngste Kapitän eines rumänischen Erstligaclubs (damals 16 Jahre und neun Monate, bei eben jenem FC Viitorul). Trotzdem: Die meisten Clubs setzen noch immer eher auf Transfers aus dem Ausland. Nur drei Spieler der aktuellen Elf sind unter 25 Jahren: Steliano Filip, Nicolea Stanciu, der als 22-jähriges Talent eine gute Saison mit Steaua Bukarest spielte, und den Club im Sommer für eine zweistellige Millionensumme verlassen könnte, sowie schließlich Florin Andone, der für Cordoba spielt und in Spanien aufgewachsen ist. Auch er immerhin seit 2014 Stammspieler in seinem Verein. Dass insgesamt wenige Talente gefördert oder überhaupt entdeckt werden, hängt auch mit dem Stadt-Land-Gefälle zusammen: Der Großteil der Vereine ist in größeren Städten angesiedelt, aber die Hälfte der rumänischen Bevölkerung lebt auf dem Land. Und auch außerhalb des Landes will man schärfer scouten – schließlich leben etwa 3 Millionen Menschen rumänischer Abstammung im Ausland: Andone ist das klassische Beispiel. Der immerhin hatte sich entschieden, für Rumänien auflaufen zu wollen.

Favoriten? Druck?

In ihrer Donnerstags-Ausgabe vergab die „L’Equipe“ die vor großen Sportwettkämpfen üblichen „Sterne“ für die wahrscheinlichsten Gewinner: Deutschland und Spanien bekamen fünf Sterne, Frankreich interessanterweise nur vier. England, Belgien, Italien und Portugal folgen. Außenseiterchancen werden Österreich, Kroatien und Polen zugestanden. Der „große Druck“ – zumindest von der größten Sporttageszeitung des Landes wird er nicht ganz so stark aufgebaut.

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