Was fehlt

Ich zitiere kurz mal Christian Streich: „Ich habe noch nie ein Sechs-Punkte-Spiel gesehen. Ich habe immer nur drei Punkte für einen Sieg bekommen“, gefolgt von einem Zitat von mir selbst: „Auch wenn der HSV in Darmstadt verliert, ist er noch lange nicht abgestiegen. Man kann selbst im Endspurt noch neun Punkte gut machen.“ Will heißen: So niederschmetternd die Niederlage des SV Darmstadt im Spiel gegen Hamburg war – letztlich ist sie nur eine Momentaufnahme. Bis zum 34. Spieltag kann noch viel passieren.

Trotzdem: Was da am Böllenfalltor passiert ist, war mehr, als nur eine Niederlage. Es war die krachend gescheiterte Chance, einen Konkurrenten im Abstiegskampf auf Distanz zu halten. Es war vor allem eine desillusionierende Darbietung der Lilien, die auch am 13. Spieltag nicht zu erkennen geben, wie genau sie eigentlich die Klasse halten wollen. Zu erkennen war lediglich, an was es derzeit dem Team der Darmstädter fehlt.

1.) Es fehlt der Kampfgeist
Darmstadt hat auch in der vergangenen Saison schlechte Spiele abgeliefert. Vor allem Favoritenrollen lagen den Lilien schon 2015/16 schlecht. Fast immer wenn man dachte, am folgenden Spieltag könnte vielleicht wirklich was rausspringen, gingen der SVD unter (2:3 zu Hause gegen Mainz am 8. Spieltag, 1:3 in Ingolstadt am 13. Spieltag, 3:2 bei Gladbach in Überzahl am 17. Spieltag und natürlich die Doppel-Niederlagen gegen Köln und Frankfurt kurz vor Saisonende, als man nach Siegen gegen Hamburg und Ingolstadt sich gerade Luft verschafft hatte). Es gab auch in der Vergangenheit Spiele, da brachen die Lilien einfach auseinander. Beziehungsweise knickten um – um im Bild zu bleiben. Aber seit Beginn der Saison 2016/17 fehlt weitestgehend etwas, das essentiell war: Der Kampfgeist. Auf dem Platz steht scheinbar keine Mannschaft mehr, die sich gegenseitig anfeuert, füreinander die letzte Meile mehr läuft, und sich das Glück einfach auch mal erarbeitet, indem man sich in jeden Zweikampf wirft. Dieses Darmstadt durften die Fans diese Saison nur sehr selten erleben. Im Spiel gegen Wolfsburg zum Beispiel, und zuletzt gegen Schalke. Heute spielte die Angst mit, und Angst lähmt. Außerdem fehlt auch die Verkörperung des Kampfgeistes an der Seitenlinie. Schuster war eine Personifikation. Meier sagt Sätze, die ich ihm nicht abnehme. Er spricht von Tugenden, von Wille, von Einsatz, als würde er interessiert ein, nun, Darmstadt-Spiel der vergangenen Saison am Fernseher verfolgen, und sich überlegen, ob er das nicht auch mal ausprobieren könnte. Wenn es mir schon so geht, darf ich dann darauf hoffen, dass er das Feuer in der Kabine entzündet?

2.) Es fehlt der Plan
Okay, in den vergangenen zwei Spielen war wieder etwas mehr Plan zu sehen. Der Plan lautete offenbar: „Spielt auf die schnellen Außenspieler Heller und Sirigu, lauft nach vorne und… und… macht dann irgendwas.“ Witzigerweise ist das in etwa der Plan, mit dem ich vergangenes Jahr versucht habe, das Darmstädter Team beim „Football Manager 2016“ in der Bundesliga zu halten, weil in dem Computerspiel Sandro Wagner nicht der geniale Stürmer war, der er in Wirklichkeit ist – und weil man in einem Computerspiel einige der Ideen von Schuster nicht umsetzen konnte. Ich sag es mal so: Es klappte auch im Spiel nicht wirklich gut. Weil es einfach nichts hilft, wenn ein schneller Spieler mutterseelenallein die Außenbahn entlang düst, aber niemand mitzieht oder die Flanke am Ende verhungert. Der Schuster-Fußball setzte ja darauf, hinten wirklich dicht zu stehen, den Gegner zu nerven, ihn zu ermüden, ihm sofort den Ball wieder zurückzuspielen, um das typische Bundesliga-Gegenpressing-Team zu verwirren und auf keinen Fall ausgekontert zu werden, sich geschickt in Strafraumnähe foulen zu lassen um mit Standards zu arbeiten, und vor allem durch allerlei psychologische Tricks den Spielern einzureden, dass sie wirklich, wirklich was erreichen können, wenn sie nur wirklich, wirklich zusammenhalten (siehe Punkt 1). Das war jetzt, seien wir ehrlich, irgendwie auch kein bombastischer Plan, aber es waren eine ganze Menge sehr schlauer Einzelelemente drin, die gegriffen haben und sich als höchst erfolgreich herausstellten. Unter Meier fehlt ein Großteil dieser Werkzeuge. Stattdessen sollen die Spieler „mehr spielen“, was sie offensichtlich überfordert. Ich sehe auch, im Vergleich zur vergangenen Saison, nicht mehr, wie die Lilien geschickt das Spiel in ein Gebolze verwandeln, um dann im Mittelfeld die zweiten Bälle zu erobern. Das heißt, den ersten Teil sehe ich schon, den zweiten Teil aber sehe ich nicht mehr. Aus Gebolze wird meist Ballverlust, aber aus Ballverlust wird keine neue vorteilhafte Situation, sondern gefährlich häufig ein Hühnerhaufen.

3.) Es fehlt die Konstanz
Dirk Schuster war auf schon erschreckende Art und Weise berechenbar. Man konnte förmlich die Dugena-Uhr danach stellen, wann er auswechselte, und wen er brachte. Für Rausch kam Kempe (oder für Kempe kam Rausch), fürs Mittelfeld kam Vrancic, für den Sturm kam Felix Platte (oder Toni Sailer). Darüber hinaus vertraute Schuster so stur einer Stammelf, dass es schwierig war, sich in seine Gunst zu spielen. Vrancic kann davon ein Lied singen, und es stellt sich aktuell heraus, dass vielleicht auch mehr Einsatzminuten von Sirigu vergangene Saison möglich gewesen wären. Nun, es hatte den Vorteil, dass jeder wusste, woran er war. In der aktuellen Saison scheint das nicht mehr der Fall. Die Fans jedenfalls wissen nicht, woran sie sind und wer spielt. Ich hatte in der Saisonvorschau noch geschrieben, dass es ein Segen sei, dass mit Sulu, Gondorf, Niemeyer und Heller ein zentrales Quartett gehalten wurde. Gut, Sulu war verletzt und Heller hatte offensichtlich Formprobleme, aber Niemeyer und Gondorf sind einer, von außen betrachtet, vogelwilden Rotation gewichen. Mal sind sie da, mal nicht. Mal spielt Schipplock, mal Colak, mal Bezjak, mal spielt in der Viererkette Höhn auf rechts, oder Fedetsky oder Jungwirth. Meier hat nach dem 13. Spieltag noch immer nicht seine Formation gefunden. Wie auch, möchte man fragen, wenn jeder Spieler nach kurzer Zeit wieder rausrotiert, wenn draußen gleichzeitig Spieler ungeduldig mit den Hufen scharren, und wenn offensichtlich das offensive Mittelfeld komplett überbesetzt ist, während hinten in der Abwehr die Lücken nicht gestopft wurden. Wie genau soll denn da Ruhe reinkommen? Es bräuchte auch bei Spielern, die sich wirklich verstehen, einen exzellenten Teamzusammenhalt, am besten befeuert durch ein paar Erfolge und einen klaren Weg – dummerweise ist aktuell noch immer nichts davon da.

4.) Es fehlt der Glauben
Den Fans, die im Stadion meckern und zetern, und die, Lilienfan-untypisch, nach dem 2:0 durch den HSV das Stadion verlassen, kann man leicht vorwerfen, dass sie nach nur einem Jahr Bundesliga schon vergessen haben, wo der Verein herkommt. Und dass ihm ja bereits vergangene Saison genau das prognostiziert wurde, was aktuell eintrifft: Ein Abstiegskampf, in dem man eigentlich überfordert ist, und den auch andere Teams wie Paderborn und Fürth nicht gemeistert haben, obwohl sie mehr Budget zur Verfügung hatten, als die Lilien. Das mag alles sein. Und ich bin sicher, tief drinnen weiß das auch der Großteil der Meckerer und Meier-Raus-Rufer. Nur befinden wir uns eben nicht im Sommer 2015, sondern im Winter 2016. Wir befinden uns in einer Realität, in der Donald Trump Präsident geworden ist, und die Lilien bewiesen haben, dass sie in der Bundesliga bestehen können – wenn auch mit sehr, sehr viel Kampfgeist, Willen, Einsatz und sicherlich einer Portion Glück. Wir befinden uns in einer Realität, in der der Verein tatsächlich Geld in die Hand genommen hat, um für eine Rekordablöse einen Stürmer zu kaufen (der jetzt als Joker eingesetzt wird, wenn er überhaupt spielen darf), in einer Realität, in der der Verein sehr viele Sommerwochen Zeit hatte, den Kader zu verstärken, und eigentlich, scheinbar, auch durchaus ein paar Spieler geholt hat, die gar nicht so schlecht sind. Kleinheisler macht nach wie vor einen ganz guten Eindruck, Guwara hat enormes Potential und explosive Kraft, Ben-Hatira kann kicken, wenn ihm nur mal jemand die klare Vorgabe geben würde, nicht selbstverliebt zu dribbeln, bis er sich im Gegner festrennt, und Colak macht zumindest den Eindruck, dass er will. Ich bin nur ein zuschauender Fan, aber ich bin überzeugt, dass man aus diesen Versatzstücken ein Team formen könnte. Was es dazu bräuchte ist… ja nun, es bräuchte wohl einen Plan, es bräuchte jemanden, der die Jungs zusammenschweißt und ihnen Kampfgeist vermittelt, und es bräuchte die Konstanz, um aus Einzelkickern eine harte Defensive zu schweißen, und Angriffszüge, die ein Ziel haben. Es bräuchte, kurz gesagt, die Punkte eins bis drei. Das ist es, was die Fan spüren. Das ist es, was sie unzufrieden macht und hadern lässt.

Darmstadt hat vergangene Saison unter anderem deswegen die Klasse gehalten, weil es mindestens zwei Vereine in der Bundesliga gab, die in Kampfgeist und Teamzusammenhalt schlechter waren. Die dachten, dass sie mit individuellen Einzelleistungen und der berühmten Stärke „auf dem Papier“ die Klasse halten können. Das frustrierende an dem heutigen Spieltag ist nicht, dass die Lilien verloren haben. Das frustrierende ist, dass sie gegen einen HSV verloren haben, der zu keinem Zeitpunkt dieser 90 Minuten irgendwie unter Beweis gestellt hat, dass seine Spieler verstehen, was Kampfgeist und Teamzusammenhalt bedeutet. Stattdessen gab es ein paar schicke Einzelleistungen, und am Ende die Erkenntnis, dass der HSV natürlich „auf dem Papier“ von Anfang an überlegen war.

Genau da liegt das Problem.

Es fehlt im Darmstädter Spiel an allen Ecken und Enden. Und das hat zunächst einmal nichts mit Budget zu tun, und mit Infrastruktur, und mit VIP-Stadionplätzen, oder mit Talent oder Technik oder Hackentricks. Das, was da derzeit fehlt, das könnte man auch ohne Geld haben. Man kann auch, selbstverständlich, mit Kampfgeist, Plan, Konstanz und Glauben an sich selbst absteigen. Aber dann hätte man es wenigsten versucht. Und ich bin sicher, dann würden die Fans auch noch am 34. Spieltag frenetisch jubeln.

7 thoughts on “Was fehlt

  1. Danke für den tollen Blog. Ich finde immer deutlicher, dass unsere Spieler 2016/17 mit der Bundesliga spielerisch und mental überfordert sind. Am Besten zu erkennen an Heller und Niemeyer die nur durch Theatralik, abwinken und den Gegner durch Frustfouls mutwillig Schaden zufügen wollen zu sehen. Das finde ich schade, und trägt leider zu der Abwärtsspirale bei. Keiner von Beiden geht positive vorne weg.
    Meier ist ja nun weg, nur wer will sich unseren SVD antun? Auf Anhieb fällt mir kein Trainer ein, der unsere Tugenden die du beschrieben hast wiederbeleben könnte.
    P.S. Ich mag den HSV nicht sonderlich, doch ich habe es anders gesehen, der HSV war besser und hat verdient gewonnen. Der Mitabstiegskandidat hat im Gegenteil zu uns bewiesen, dass sie eine Einheit sind.

  2. Egal, warum der HSV gewonnen hat, wir haben jedenfalls die richtige Konsequenz gezogen: Meier und Fach sind raus.

    …und jetzt fahren wir mit neuem Mut nach Freiburg und bringen Dich, Greif und Lilie, in ein schweres Dilemma. Tut mir leid, lässt sich aber nicht ändern,
    bis Samstag in Freigurg

      1. Stimmt, aber vor der Entlassung wäre es wahrscheinlich ein wenig leichter für Dich gewesen, Dich klar zu Freiburg zu positionieren, wenngleich mit Träne im Knopfloch.

        Jetzt werde ich als Fan und sicher viele weitere mit neuem Schwung und aller Kraft unsere Mannschaft anfeuern. Ich habe es auch letzten Sonntag versucht, aber mit einer leider zunehmend wachsenden Desillusionierung und dem Gefühl, dass in der Art, wie die Mannschaft vom Trainer zusammengesetzt wurde, die armen Spieler einfach nicht das leisten können, was wir alle gern sehen wollten.

        Jetzt erwarte ich was anderes, Befreiung zu spüren bei den Spielern, gerade z.B. Aytac Sulu, der zuletzt wirkte, als werde er von einer Art Panzer umfangen.

        Ich glaube (und hoffe), dass es Freiburg schwer mit uns haben wird…., bis Samstag
        Lili

  3. Ich denke nicht, dass die Mannschaft spielerisch oder/und mental überfordert sind.
    Sie sind oder waren einfach zu tiefst verunsichert. Ebenso verständnislos über die patriarchische Art a´la Gutsherr von den Herren Meier und Fach. (Klüngel läßt grüßen)

    Spielerisch wissen sich die Jungs schon realistisch einzuordnen, denn sonst würden sie ja auch woanders spielen und wenn die eigentlichen Tugenden der Lilien so von der sportlichen Leitung vernichtet werden, dann macht sich das auch mental bemerkbar. Dazu kommt noch der Wahnsinn dieser Herren, dass sie eine vernünftige Achse von Führungsspielern auseinander gerissen haben.

    Nun, alles Schnee von gestern … jetzt kann es nur wieder aufwärts gehen 🙂

    1. Ja, ich wollte mit „Überforderung“ nicht ausdrücken, dass sie es partout nicht können. Es kommt eben auf das Wie an. Die Vorgaben des Trainers schienen jedenfalls nicht dazu zu führen, dass die Spieler sich sicherer und souveräner auf dem Feld fühlten.

  4. Habe ich gerade richtig gelesen: Du liest am Freitag, 09.12., in Darmstadt im Literaturhaus ?

    Was ist das denn für ein Timing !?! Ich werde dann schon in Freiburg sein wegen des Spiels am Samstag, schade.

    Viel Erfolg,
    Lili

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