Saisonvorschau: SV Darmstadt 98

Die neue Bundesligasaison startet, und Darmstadt steht mal wieder als Absteiger fest. Alle Auguren, Fans und selbsternannten Experten scheinen sich mehr oder weniger einig. Bei der Tipptabelle des Rasenfunks landete der SVD bei 125 Tippern mit weit über 90 Prozent auf dem Abstiegsplatz. Wer sich in den Medien, in Foren oder sonstwo umhört, der bekommt Gründe genannt von: „Die haben sich den Klassenerhalt doch schon letztes Jahr ermogelt“ über „Das zweite Jahr ist immer das schwerste“ bis hin zu „Ohne Dirk Schuster fehlt der wichtigste Baustein“. Mit Leipzig ist zudem ein neuer Verein hinzugekommen, dem man jetzt auch nicht unbedingt den sofortigen Abstieg zutraut. Wen also sollen die Lilien diese Saison hinter sich lassen?

Auf diesem Blog war es seit der EM sehr ruhig; Zeit also für einen kurzen Rundumschlag über all das, was im Sommer beim SVD passiert ist. Soviel vorweg: Nachdem ich zwischenzeitlich auch echte Panikattacken bekam, bin ich mittlerweile wieder eher auf dem Standpunkt: Wer die Darmstädter 2016/17 auf dem letzten Platz zementiert sieht, hat eventuell aus der Saison 2015/16 nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Klar, die Lilien gehen abermals mit Handicap ins Rennen, und der Nichtabstieg wäre selbstverständlich eine Überraschung, eine Sensation. Aber es gibt doch ein paar Gründe, den SV Darmstadt nicht von vorne herein abzuschreiben.

Exodus. Exodus?

Auf dem Papier sieht es ganz schön übel aus: Aus der Startelf der vergangenen Saison fehlt etwa die Hälfte der Spieler.

Christian Mathenia (zum HSV)
Slobodan Rajkovic (zu Palermo)
Luca Caldirola (zurück zu Werder Bremen)
Tobias Kempe (zu Nürnberg)
Konstantin Rausch (zum 1. FC Köln)
Sandro Wagner (zu Hoffenheim)

Wenn man genau hinsieht, schmerzen aber eigentlich nur drei Spieler: Mathenia, Caldirola und Wagner. Torwart, Verteidiger und Stürmer. Mathenia hatte vergangene Saison mit beeindruckend konstanten Leistungen auf sich aufmerksam gemacht und schien außerdem auch noch Potential in sich zu haben. Sicherlich auch der Grund, warum der HSV ihn verpflichtet hat und ja offenbar als möglichen Adler-Nachfolger aufbauen will. Caldirola war eine echte Bank in der Abwehr und hatte eine klassische Darmstadt-Story hingelegt: Von Werder eigentlich aussortiert, als Leihe zu Darmstadt gekommen, war er sowohl als Außenverteidiger als auch als Innenverteidiger zuverlässig einsetzbar und neben Sulu die Konstante der Verteidigung. Am Ende seiner Leihe will Bremen ihn also nun tatsächlich wieder zurück, sodass der Handel im Grunde für alle drei Seiten aufgegangen ist: Der SVD hatte einen Spieler für den Klassenerhalt, Caldirola konnte sich beweisen und deutlich weiterentwickeln, und Bremen bekommt einen erheblich weiterentwickelten Spieler zurück. Win-win-win, wie man auf neudeutsch sagt. Wir kommen darauf nochmal zurück.

Und schließlich Wagner. Dass Sandro Wagner gehen würde, war von Anfang an klar. Auch bei ihm existierte derselbe Deal: Du kannst dich zeigen, bringst uns Tore, und dafür darfst du anschließend gehen. Da es so klar war, war die Aufregung um seinen Abgang relativ klein. Trotz 14 Saisontoren. Hinzu kam bei vielen Lilienfans noch immer das fortwährende Fremdeln mit dem „Typ Wagner“. Der Wagner, der Millionengehälter kleinredet, Frauenfußball verunglimpft und überhaupt viel zu viel mit den Medien spricht. Allerdings gibt es auch andere Stimmen aus dem Block: „Keiner außer uns Darmstadtfans hat verstanden, wie gut Wagner eigentlich ist“, lautete eine davon. „Wir haben ihn schließlich Woche für Woche im Stadion gesehen.“ Tatsächlich wurde das Wunder Wagner außerhalb Darmstadts eher als One-Trick-Pony gesehen: Funktioniert vielleicht am Bölle, ist aber eigentlich sehr limitiert. Also sowohl spielerisch als auch in der Birne. Davon zeugt nicht zuletzt die Diskussion über die Einordnung von Wagner in die „Internationale Klasse“ der Kicker-Rangliste. Demnach wären nur vier Stürmer in der Bundesliga klar besser: Lewandowski, Aubameyang, Raffael und Pizarro. Gelächter im Publikum. Hihi. Hoho. Wagner? Offen gesagt: Ich würde dem zustimmen. Wagner erscheint mir wie jemand, der vor der Fernsehkamera schlechter wegkommt, als im Stadion. Warum ich das so ausführlich ausführe: Weil ich Sandro Wagner für einen echten Verlust halte, in der kompletten Offensive, sowohl als Torjäger, als auch als Offensivantrieb als auch als ballannehmende erste Station.

Warum ich die anderen drei nicht für so große Verluste halte? Weil ich sie als ersetzbar sehe. Rajkovic war ein solider Verteidiger, aber keiner von der Sorte, die sich nicht auch anderswo finden lassen sollte. Rauschs Waffe waren seine Standards – die werden Darmstadt fehlen. Als Außenspieler hingegen war Licht und Schatten und vor allem schien mir Rausch zu wenig konstant – eine Eigenschaft, die es bei den Lilien aber auch 2016/17 brauchen wird. Immer ans Limit gehen. Immer über sich hinauswachsen. Rausch hätte da noch mehr zeigen können. Er stritt sich mit Tobias Kempe die komplette Saison um den Stammplatz. Dementsprechend sind beide also eher halbe Stammspieler. Kempe schmerzt als jemand, der immerhin schon zwei Jahre dabei war und damit (neben Mathenia) der einzige, der schon die Zweitliga-Saison miterlebt hatte. Das ist ja das interessante an der Abgängerliste: Rausch, Rajkovic, Wagner und Caldirola kamen zur Bundesliga-Saison und standen alle vier ein wenig unter dem Bild „Wir kommen, um uns zu beweisen – und dann weiter zu ziehen.“

Dazu kommen noch einige weitere Spieler aus der zweiten Reihe, die Darmstadt verlassen haben:

Milan Ivana (zu Elversberg)
Marco Sailer (zu Nordhausen)
Yannick Stark (Leihe zum FSV)
Michael Stegmayer (Karriereende, künftig Teammanager in Darmstadt)

Ivana, Sailer und Stegmayer gehören zu der Truppe, die das Aufstiegswunder in die 2. Bundesliga schaffte, die allerdings alle in der Bundesliga an ihre Grenzen stießen. Realistisch gesehen hätten sie in der kommenden Saison kaum auf Einsätze hoffen können. Wehmütig machen sie schon allein deswegen, weil es Spieler waren, die das mehrfache Wunder von Darmstadt in den vergangenen Jahren begleitet hatten. Sailer war ja so etwas wie das Maskottchen der Fans. Allerdings ist das ja auch kein Karriereziel, „der Urige mit dem Bart“ zu sein. Insofern wünsche ich ihm und den anderen sehr viel Erfolg.

Alles zusammen genommen sieht das nun tatsächlich wie ein Exodus aus. Interessant dabei ist allerdings auch, wer alles als Transfer gemunkelt wurde und schließlich doch noch am Böllenfalltor ist:

Jérôme Gondorf: Wurde vom Kicker schon als fixer Neuzugang beim HSV und später Mainz gemeldet
Aytac Sulu: Hatte angeblich lukrative Angebote aus der Türkei und England. Oder sollte Dirk Schuster folgen. Bestätigt ist auch das Interesse des SC Freiburg.
Marcel Heller: Galt schon am 34. Spieltag als Transferziel des VfB Stuttgart und erklärte im Sommer schließlich auch öffentlich, er würde gerne gehen.
Peter Niemeyer: Hisste bekanntlich in einem Interview schon die „Weiße Flagge“, was so klang, als wolle er gerne weg.

Wären diese Vier, oder nur einer oder zwei aus dieser Liste, tatsächlich auch noch gegangen – der Himmel über Darmstadt sähe wohl rabenschwarz aus. Da sie alle noch da sind, bilden sie aber im Gegenteil einen äußerst schlagkräftigen, sehr robusten und sehr vielversprechenden Kern. Vier Spieler, die (mit Ausnahme von Niemeyer) ebenfalls nicht erst seit der Bundesliga dabei sind, die berühmten „Darmstädter Tugenden“ atmen und hoffentlich an die Neuen weitergeben können. Heißt übrigens auch: Zentral hat sich der SVD seine Korsettstange behalten. Sulu, Niemeyer, Heller und Gondorf waren in der Saison 2015/16 vermutlich ohnehin die wichtigsten Spieler des Teams (mit Ausnahme von Wagner).

Endlich ein Grund zur Panik

Ein Großteil der Abgänge stand relativ schnell fest, hinzu kamen die eben erwähnten konstanten Gerüchte um mögliche weitere Abgänge. Und natürlich die Trainersuche nach dem Abgang von Dirk Schuster. Insgesamt bot der SVD über weite Teile der Sommerpause einen im wahrsten Sinne des Wortes kopflosen Eindruck. Das versprach nichts Gutes. Als der Trainer schließlich gefunden und zuvor mit Holger Fach als Sportdirektor auch die Professionalisierung der Strukturen vorangetrieben wurde, ließ sich Fach in den Medien mit Sätzen wiederfinden wie „Wir kassieren bei der Suche nach neuen Spielern viele Absagen„, während Norbert Meier Sätze produzierte wie: „Wir können keinen Spieler in Handschellen vorführen.“ Der SVD wirkte in dieser Phase wie der hässliche, kleine Mann mit der Brille, der beim Speeddating am Ende schmollend in der Ecke sitzt. Als wäre das alles nicht genug, kam noch die ebenso kopflose Stadion-Debatte hinzu. Ich kürze das hier an dieser Stelle ab, aber das vorläufige Fazit lautet: Es wird vorerst kein neues Stadion gebaut, stattdessen gibt es ein paar kosmetische Änderungen am Böllenfalltor und dazu noch zwei Stahlkonstruktionen, die als neue Tribünen herhalten sollen. Das Verhältnis zwischen Stadt und Verein schien nicht das beste, und anstelle eines neuen Stadions fließen jetzt also erst einmal einige Millionen in Kosmetik, oder, wie es offiziell heißt, in die „Ertüchtigung des Stadions“.

Ach ja, und als Neuzugänge standen lange Zeit nur zwei Torhüter und der junge Immanuel Höhn von Freiburg fest. Norbert Meier ging mit einem Rumpfkader ins Trainingslager, der noch nicht mal die vier „Local Player“ umfasste (die, so darf man vermuten, als Karteileichen die Bundesligasaison „miterleben“), stattdessen befanden sich ein Haufen „Testspieler“ dabei, deren Namen niemand so richtig vom Hocker haute, und die sehr, sehr lange getestet wurden, ohne dass man sich offenbar entschließen konnte, sie auch zu verpflichten.

Paaaaaaanik!

Hallo, wir sind die Neuen!

Dann ging, im August, plötzlich die Verkündigung der Neuverpflichtungen los. Und man rieb sich verwundert die Augen. So ganz lassen sich einige der Spieler bis heute nicht einschätzen, aber ein erstes Fazit lässt sich ziehen: Nein, die Lilien sind nicht unbedingt schlechter aufgestellt, als in der vergangenen Saison. Aber der Reihe nach… Hier erstmal die Liste:

Immanuel Höhn (Innenverteidiger, von Freiburg, für 750.000 Euro)
Michael Esser (Torwart, von Sturm Graz, für 350.000 Euro)
Artem Fedetsky (Rechtsverteidiger, von Dnipro, ablösefrei)
Victor Obinna (Offensives Mittelfeld, vom MSV Duisburg, ablösefrei)
Daniel Heuer Fernandes (Torwart, von Paderborn, ablösefrei)
Denys Oliynyk (Linksaußen, von Vitesse Arnheim, ablösefrei)
Igor Berezovsky (Torwart, vereinslos, ablösefrei)

Dazu vier Leihen:

Alexander Milosevic (Innenverteidiger, von Besiktas)
Antonio Colak (Stürmer, von Hoffenheim)
Laszlo Kleinheisler (Offensives Mittelfeld, von Bremen)
Sven Schipplock (Stürmer, vom HSV)

Elf Leute. Und, Stand Wochenbeginn, heißt es: Da soll noch der eine oder andere kommen.

Wir sortieren mal…

Die Verteidigung: Noch immer etwas auf Kante genäht

Darmstadt, so hieß es ja gerne mal, stand in der vergangenen Saison „nur hinten drin“. Allerdings waren die Lilien gar nicht so gut im Toreverhindern: 53 Treffer kassierten die Darmstädter am Ende der Saison – nur Hannover (62), Bremen (65) und Stuttgart (75) waren deutlich schlechter. Gerade die Außenverteidigung zeigte sich nicht immer sattelfest. Kurioserweise verzeichnet die Verteidigung relativ Neuzugänge (im Folgenden werden Neuzugänge fett markiert): Immanuel Höhn wurde beim SC Freiburg, für den er seit 2010 spielt, und für den er in der vergangenen Zweitliga-Saison eigentlich gerade zur Verteidigungsstütze herangereift schien, der Sprung in die Bundesliga nicht zugetraut. Höhn ist ein Spieler, der weniger auf robuste Physis setzt, als auf Stellungsspiel und Reaktionsschnelligkeit. Milosevic hingegen wäre von seinem alten Leihverein Hannover 96 offenbar sehr gerne gehalten worden – damit ist er einer der ganz, ganz wenigen Transfers, bei denen sich Darmstadt erwiesenermaßen gegen Konkurrenten durchgesetzt hat. Das lag zwar vermutlich nur am Thema „Bundesliga“ – aber selbst das ist ein völlig neues Gefühl: Dass der SVD überhaupt irgendwelche Argumente für sich ins Feld führen kann, mit denen andere Vereine bei Spielern ausstechen kann. Die Reihenfolge in der Innenverteidigung scheint damit: 1.) Sulu, 2.) Milosevic, 3.) Höhn, 4.) Gorka. Benjamin Gorka, fast schon Darmstädter Urgestein, und in der vergangenen Saison von Schuster fast nie berücksichtigt, hatte sich in der Vorbereitung wieder richtig nahe an die Stammelf gespielt. Auf dem Papier sieht das zwar ganz passabel aus, mit der Verletzung Sulus im Pokalspiel hingegen wirkt die ganze Angelegenheit plötzlich wacklig: Weder Milosevic noch Höhn noch Gorka konnten in der Vergangenheit unter Beweis stellen, dass sie über einen längeren Zeitraum eine stabile Bundesligaabwehr bilden können.

Bei den Außenverteidigern kam bislang nur Artem Fedetskyy, der aber nach allem, was man hört, recht vielversprechend scheint, und auch in den ersten Wochen zumindest ansatzweise zeigen konnte, dass er ein physischer, robuster Spieler ist, der hinten sicher steht. Mit dem (vor der Ankunft von Kollegen wie Fedetskyy und Kleinheisler) einzigen Europameisterschafts-Fahrer der Lilien Garics als Backup klingt das nach einer guten Kombination. Auf der linken Außenverteidigerposition hingegen haben mich in der vergangenen Saison weder Holland noch Diaz restlos überzeugt, vor allem Diaz hatte mehrere gefährliche Aussetzer. Hier wird aber offenbar noch gesucht.

Dass die Lilien sich wiederum nicht noch mehr Tore eingefangen hatten, lag auch an Mathenia, der vor allem auf der Linie stark war. Hier bin ich von den drei Neuzugängen sehr positiv überrascht: Heuer Fernandes ist der klassische Transfer eines talentierten Zweitliga-Torwarts, der durchaus zu Höherem berufen sein könnte, während Michael Esser von verschiedenen Seiten bescheinigt wird, dass er für Graz eine enorm starke Saison gespielt hat und nicht nur physisch sondern auch charakterlich präsent war. Die ersten Eindrücke aus den Testspielen scheinen das zu bestätigen. In jedem Fall ein gesunder Zweikampf, bei dem auch mal einer der beiden ausfallen kann, ohne dass man die bereits zitierte Weiße Flagge hissen müsste.

Vorläufiges Fazit: Ein Außenverteidiger bitte noch. Und bitte, bitte keine weiteren Ausfälle von Aytac Sulu. Man darf an dieser Stelle auch mal kurz einschieben, dass Darmstadt in seiner ersten Bundesligasaison von nennenswerten Verletzungen fast komplett verschont war, sieht man mal von Jan Rosenthal ab. Für einen Kader aus überwiegend älteren Spielern, die gerne mal, ähem, körperlich zu Werke gehen, ist das entweder ein Wunder oder ein Hinweis auf sehr gute physiologische und medizinische Betreuung. Hoffen wir Letzteres.

Das Mittelfeld: Hülle und Fülle

Eigentlich war hier nur eine einzige Planstelle zu besetzen: Der linke (oder je nachdem wo Heller spielt, rechte) Flügel. Alle anderen Stellen sind mit den erwähnten „besten“ Spielern des Kaders besetzt: Niemeyer und Gondorf im defensiven Mittelfeld, Heller auf einem der Flügel und Vrancic in der offensiven Schaltzentrale. Wahlweise auch Rosenthal, der weniger kreativ und filigran als Vrancic kann, dafür mit Pferdelunge und Spielübersicht überzeugt. Auf der Sechser-Position sprang schon 2015/16 auch Jungwirth ein, für das offensive Mittelfeld stehen jetzt plötzlich Vrancic, Rosenthal, Kleinheisler und Obinna zur Verfügung. Einge davon können auch Flügel. Kleinheisler (ausgeliehen von Werder) war im positiv aufgefallenen Kader Ungarns eine der positiven Überraschungen, und Obinna (ehemals Dusiburg) hat sich mit sehr viel Einsatz und Willen über die Testwochen in den Kader gespielt. Obinna scheint vor allem Schnelligkeit und Willen mit reinzubringen, Kleinheisler vor allem das Versprechen auf Potential. In diversen Internetforen ist ein Grummeln von Werder-Fans zu vernehmen, warum man ausgerechnet „einen Gegner mit dieser Leihe stärken muss“. Das mag aus Fan-Sicht ein Argument sein, aus Vereinssicht scheint die Erinnerung an das geglückte Experiment mit Caldirola deutlich wichtiger zu sein: Wenn das Böllenfalltor ein Ort ist, an dem sich Spieler gut entwickeln, dann verleiht man sie doch gerne dorthin.

Der Königstransfer ist dann natürlich zweifellos Änis Ben-Hatira, der neben Heller auf dem anderen Flügel gesetzt sein sollte. Königstransfer und Aufreger-Transfer, denn dem Transfer selbst folgte prompt ein von den Medien recht grummelig aufgenommener Interviewstopp, weil alle offenbar sowieso nur wissen wollten, wie man das „Skandalkind“ und den „schwierigen Charakter“ von Ben-Hatira ins Team zu integrieren gedenkt. Ben-Hatiras Vertrag war von Eintracht Frankfurt zuletzt nicht verlängert worden, angeblich unter anderem weil es „Zwist in der Kabine“ gegeben haben soll. Was alles und gar nichts bedeuten kann. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Ben-Hatira sich Frankfurt offenbar für ein (für Bundesliga-Fußballer) Mini-Gehalt von 6000 Euro angeschlossen haben soll, das nur im Falle einer Verlängerung branchenübliche Größen erreicht hätte. Dass er zu diesem Schritt bereit war, kennzeichnet ihn durchaus als klassischen Darmstadt-Spieler, dem Kicken (und ein möglicher verspäteter Kickstart der Karriere) wichtiger ist, als das schnelle Geld auf der Ersatzbank. Den Einsatzwillen kann man ihm jedenfalls in seiner Frankfurter Zeit nicht absprechen, die Frankfurter Fans sprachen sogar davon, dass er genau derjenige gewesen sei, den das Team im Abstiegskampf gebraucht habe, und der mit seinem Willen die anderen wachgerüttelt hätte. Backup von Ben-Hatira wird Oliynyk sein, zu dem insgesamt sehr wenig bekannt ist. Immerhin scheint Darmstadt recht klug von den finanziellen Problemen der großen ukrainischen Vereine profitiert zu haben, indem man durchaus gestandenen ukrainischen Spielern eine Perspektive bot.

Vorläufiges Fazit: Im Mittelfeld ist Darmstadt deutlich variabler aufgestellt, als 2015/16, und außerdem auch mit mehr Qualität auf der Bank. Während es in der vergangenen Saison allenfalls einen (meist auch formbedingten) Zweikampf zwischen Rausch/Kempe sowie Vrancic/Rosenthal gab, und Schuster häufig wie ein Uhrwerk in der zweiten Halbzeit Kempe, Vrancic oder vielleicht mal Sailer einwechseln konnte, hat Meier plötzlich deutlich mehr Alternativen – selbst wenn sich der eine oder andere Transfer als Fehlschlag herausstellen sollte. Mit Ben-Hatira hätten die Lilien außerdem im technisch ansonsten weitgehend limitierten Kader einen weiteren Spieler, der Bälle auch halten, verarbeiten und passen kann.

Der Sturm: Zu große Schuhe?

Von der Träumerei, die 14 Tore Sandro Wagners irgendwie zu ersetzen, sollten man sich als Lilienfan wohl schnell verabschieden. Colak und Schipplock heißen die beiden nominellen Neuzugänge für die Position „Mittelstürmer“. Colak hatte dabei einen etwas ungewöhnlichen Weg nach Darmstadt: Er war nach seinem Probetraining bereits wieder nach Hause geschickt worden, bevor er dann, im Nachklapp der Verletzung von Felix Platte, doch noch den Vertrag erhielt, den er, den veröffentlichten Bildern zufolge, am Flughafen vor dem Abflug ins Trainingslager unterschrieb. Das war noch mitten in der Hochphase der Paaaanik-Sommerzeit, und reihte sich nahtlos ein in die WTF?-Momente, die sich den Fans boten. Felix Platte war vergangene Saison bereits kaum zum Einsatz gekommen, und ein Stürmer, dem man offenbar noch weniger zutraut, der quasi als „Notnagel“ dann doch noch geholt wird – was ist von so einem schon zu erwarten?

Vielleicht mehr als befürchtet, lautet die erste Erkenntnis, auch wenn Colak sich bislang nur gegen niederklassige Testspiel- und Pokalgegner beweisen durfte. Gegen die allerdings bolzte er massenweise Tore ins Netz. Colak ist ein anderer Typ als Wagner, schneller, wendiger (obwohl an dieser Stelle der kurze Einschub gestattet sei, dass Wagner deutlich wendiger war, als er aufgrund seiner Größe und möglicherweise seines Körperschwerpunkts zu sein schien). Im Grunde führt sich in der Offensive das fort, was bereits im Mittelfeld anklang: Wenn alles so läuft, wie erhofft, dann hat der SVD mehr Variabilität. Verschiedene Spieler, die mehr Beweglichkeit ins Darmstädter Spiel bringen könnten.

Der Vorhang auf und alle Fragen offen

Was machen wir jetzt aus all dem? Wir können festhalten, dass der Kader „auf dem Papier“ tatsächlich nicht schlechter geworden ist. Wenn, und das ist kein ganz unbedeutendes Wenn, die Spieler halbwegs das einhalten, was man sich von ihnen versprechen darf. Ein roter Faden aber lässt sich bei den Transfers bereits finden: Fast alle, nein, eigentlich alle Spieler werden von den Fans der vorigen Vereine damit beschrieben, dass sie sich reinhauen, reinbeißen, sich nicht scheuen, die Extrameile zu gehen. Das ist für ein Jobprofil im Darmstädter Bundesligakader schon mal nicht die allerschlechteste Eigenschaft.

Klar ist: Es wird für die Lilien auch diesmal nur wieder funktionieren, wenn sie es schaffen, diesen Kampfwillen und die Geschlossenheit zu konservieren, die in der vergangenen Saison dazu geführt hat, dass wirklich jeder für den anderen da war, Lücken auf dem Feld geschlossen hat, und sich niemals zu schade war, bei einem falsch positionierten Nebenmann eben selbst ein paar Schritte zusätzlich zu laufen. Das klingt so banal, ist es aber nicht. Dass dieser arbeitsintensive Zusammenhalt möglich war, hatte auch sehr viel mit der Transferpolitik der Lilien zu tun. Der vielzitierte „gescheiterte Spieler“, der es sich selbst und der Welt noch einmal beweisen will, war genau der Typus, der, wenn die Beine wehtun, vielleicht doch nochmal zum Extraschritt bereit ist. Wie bereits im „Böllenfalltoreffekt“ beschrieben, war die Entscheidung, trotz des miserablen Trainingsumfelds und der grusligen Chancen, nach Darmstadt zu wechseln, vielleicht schon der erste Charaktertest. Hinzu kam, dass Dirk Schuster offenbar ein Händchen in dem hatte, was man neudeutsch „man management“ nennt, in der Mannschafts- und Kaderführung. Eine seiner Maximen dabei war übrigens, möglichst immer nur mit deutschsprachigen Spielern zu arbeiten – eine selbstauferlegte Beschränkung, die der SVD seit dem Schuster-Weggang aufgelöst hat. Gerade die ukrainischen Neuzugänge können bislang nur rudimentär Deutsch.

Kann Meier das?

Damit sind wir beim ersten großen Knackpunkt der kommenden Saison: Was kann Norbert Meier? Kann er eine Mannschaft so führen und zusammenschweißen, dass daraus das Team entsteht, das er benötigt? Meier ist in seinen bisherigen Stationen nicht durch besonders auffällige Kniffe aufgefallen. Er schien durchaus beliebt in Bielefeld, wenngleich man sich auch dort wohl etwas mehr spritzige Offensive gewünscht hätte. In Darmstadt hat Meier bereits angekündigt, dass er das allzu sehr auf „Ball wegbolzen“ fixierte Spiel von Schuster verändern und anpassen will: Die Darmstädter sollen den Ball nicht sofort wieder herschenken, sondern gerne auch mal behalten. Tatsächlich war auf den ersten Blick nicht ganz einzusehen, warum die Lilien mit hohem Pressingaufwand sich den Ball erobern, um ihn dann anschließend mit wildem Gekicke sofort wieder ins Nichts zu befördern.

Auf den zweiten Blick allerdings hat Schuster damit ein eigentlich sehr kreatives Spiel getrieben: Er hat das System gesprengt. Das Darmstadt-Team à la Schuster stand eben nicht einfach nur so „hinten drin“ oder „hat den Bus geparkt“, sondern es tat etwas, das Sinn und Logik der meisten Gegner völlig zuwider lief – es verweigerte sich komplett dem modernen Pressing, das im Normalfall darauf abzielt, den Ball in vielversprechender Position zu erobern. Das war, in der reinen Schuster-Lehre, gegen Darmstadt nicht möglich, weil der Ball sich höchst selten in der Nähe des Tors befand. Sobald er erobert war, wurde er ja sofort nach vorne geschlagen. Unterm Strich irgendwie nicht schön, aber effektiv (auch wenn es in der Realität nicht immer ganz so funktionierte wie geplant). Gegen den Strich gebürstet war Schusters Team ein Paradebeispiel für ein „szenendominantes“ Team, den Begriff, den ZEIT-Kolumnist Wolfram Eilenberger gerne einführen möchte. Wenn Meier nun mehr Normalität, mehr Ballbesitz, mehr Pässe ins Spiel bringen will, dann, so steht zu befürchten, könnte er das Darmstädter Spiel letztlich doch in das einer „normalen“ defensiven Mannschaft verwandeln.

Die langfristige Perspektive: Elf Freunde sollt ihr sein?

Die zweite entscheidende Frage besteht darin, ob das neu zusammengewürfelte Team wieder jene Gruppengeschlossenheit reproduzieren kann, die vergangene Saison offenbar möglich war. An dieser Stelle darf man nochmal den angeblich „schwierigen Charakter“ von Ben-Hatira ins Feld bringen. Die Frage ist nämlich, was das tatsächlich bedeutet, so ein „schwieriger Charakter“. Kurz gesagt ist für mich der Charakter eines Fußballspielers eher zweitrangig, solange er nicht das Spiel beeinflusst (das soll bedeuten, dass ich, als Fan, auch einem Spieler zujubeln könnte, der beim Essen die Füße auf den Tisch legt oder alle seine Jugendfreunde vergrault hat; ich bin über das Alter hinaus, indem Fußballspieler „Idole“ sein müssten, was sie nie für mich waren… und das heißt auch nicht, dass mir sein Charakter völlig egal wäre; wer rassistische Äußerungen tätigt oder seine Freundin schlägt, kann mir gestohlen bleiben).

„Das Spiel beeinflussen“ würden charakterliche Schwächen, indem ein Spieler zum Beispiel mutwillig Schlägereien in der Kabine anzettelt und Mitspieler gegeneinander aufhetzt; oder indem er bei schlechten Aktionen so viel Frust schiebt, dass er zu spielen vergisst; oder indem er sich so schlecht unter Kontrolle hat, dass er Rote Karten kassiert. Der Spieler, der also vor lauter persönlichem Frust dem Gegner den Sieg schenkt, weil er sich selbst irgendwie wichtiger ist, wäre ein No-Go. Sandro Wagner, ebenfalls als eher „schwieriger Charakter“ verschrien, hat nichts davon gemacht. Zumindest nicht in Darmstadt. Er hat sich im Gegenteil, in der Öffentlichkeit immer für den Verein reingehängt.

Die Darmstädter Transferpolitik hat abermals auf Charaktere gesetzt, für die das kommende Jahr vielleicht die letzte Chance ist. Dazu mussten die Verantwortlichen abermals Verträge und Situationen eingehen, die höchst kurzfristig gestaltet sind: Ein-Jahr-Leihen und sicherlich auch wieder der eine oder andere Vertrag, der dem Spieler zusichert, bei entsprechender Leistungssteigerung gehen zu dürfen. Man kann das kurzsichtig nennen. Eine mögliche Alternative wäre gewesen, sich nach jungen, talentierten Spielern umzusehen, die ein passables Gerüst nach einem möglichen Abstieg dargestellt hätten. Etwas, das sicherlich viele Fans auch gerne gesehen hätten. Mein Gefühl ist, dass die Entscheidung, auf Kurzfristigkeit zu setzen, auch die Entscheidung für einen bestimmten Spielertyp war, und die Hoffnung darauf, das Beste aus diesen Spielern rauszukitzeln. Den Stolz anzufachen, den Willen, das Jetzt-oder-Nie-Mehr-Gefühl. Das ist auch ein Spiel mit dem Feuer. Aber es ist das Spiel, das vergangene Saison aufging. In der Zwischenzeit kann sich der SVD weiter im Profifußball etablieren, weiter an seinen Strukturen arbeiten (nochmal zur Erinnerung: erst seit dieser Saison gibt es einen Sportdirektor und eine offizielle Bezahlung für den Präsidenten; letzte Saison war all das noch „ehrenamtlich“), Rücklagen bilden. Und nächste Saison wieder von vorne anfangen.

Danke an alle Gegner und Zweifler!

Unterstützung für diese Strategie bekommen die Darmstädter mal wieder vom Publikum. Das war auch einer der Trümpfe der vergangenen Saison: Wer von Beginn an auf Platz 18 getippt wird, durch die Bank weg, und mit Überzeugung und Inbrunst, dem fällt es, richtig motiviert, auch leichter, ständig „Alles oder Nichts“ zu spielen. Wer ständig vor Augen geführt bekommt, dass er jede klitzekleine Chance nutzen muss, der kann auch die Konzentration hochhalten. Das war der Grund, warum ich eingangs erwähnte, dass die 18.-Platz-Tipper vielleicht nicht ganz die Lehren aus der vergangenen Saison gezogen haben.

Es war, gerade bei den Auswärtsspielen, sehr interessant zu beobachten, wie gegnerische Teams gegenüber den Lilien nervös wurden. Weil sie unter Druck standen. Weil sie sich selbst unter Druck gesetzt hatten, und im Zweifelsfall das Pfeifkonzert der Fans den Rest besorgte: „Wenn wir heute hier nicht gegen die Darmstädter gewinnen – gegen wen denn dann?!“ Das führte in der Folge reihenweise zu Aufregern wie „unfaires Spiel!“, „Zeitspiel!“, „Tretertruppe!“. Nüchtern betrachtet war nur sehr wenig davon Realität. Darmstadt spielte nicht unfairer als andere Teams (keine einzige Rote Karte) – es wirkte aber häufig so, weil frustrierte Gegner (inklusive ihrer Fans) nach Gründen suchten. Das nutzte im Endeffekt nur wieder den Lilien, die auf diese Weise den Gegner auf ihr eigenes limitiertes Niveau herunterzogen: Mehr Fouls, zerfahrenes Spiel, Hektik bei den Pässen und Abschlüssen, Brechstange. Wer sich diesem Mechanismus entzog, der siegte recht souverän.

Es gab sehr, sehr wenige souveräne Siege gegen die Darmstädter in der vergangenen Saison.

Deswegen: Ich freue mich tatsächlich auf die neue Saison. Ich warte mit gespannter Vorfreude darauf, ob es den Darmstädtern erneut gelingen wird, diesen Frust beim Gegner zu erzeugen. Fußball, Sport im Allgemeinen, hat sehr viel mit Psychologie zu tun. Selbst Ausdauersportler können „einen schlechten Tag“ haben. Für Sportler, die komplizierte Pässe spielen müssen, für dies es Konzentration benötigt, gilt das umso mehr. Ich hoffe, dass die Lilien diesen psychologischen Zweikampf gewinnen können. Weil niemand etwas von ihnen erwartet. Weil niemand die neuen Spieler kennt – weil die neuen Spieler selbst nicht so richtig wissen, was sie können.

Weil jeder, jeder die Darmstädter auf „Platz 18“ erwartet, und die Lilien hoffentlich abermals die richtige Mischung aus mannschaftlicher Geschlossenheit, angestacheltem Stolz und dem einen oder anderen systemsprengenden Kniff auf den Platz bringen können, um genau aus dieser Erwartungshaltung ihren Nektar zu ziehen.

Ob das klappt? Die offenen Fragen stehen nach wie vor im Raum. Aber auch das ist ja das Schöne: Dafür schauen wir ja Sport.

Um überrascht zu werden.

Vorhang auf für die Bundesliga und ganz, ganz viele Überraschungen!

10 thoughts on “Saisonvorschau: SV Darmstadt 98

  1. Das Warten hat sich gelohnt – tiefgreifende Analyse mit einigen neuen Gesichtspunkten, die mit Optimismus auf die Saison blicken lässt. Danke!

  2. „Vielleicht doch mehr als befürchtet, lautet die erste Erkenntnis[…]“

    NOCH! – Das muss einfach „noch“ mehr als befürchtet heißen. Sehr schöner read. Spricht mir aus der Seele. Ich bin auch einer der sich erfreuen kann, an den verzweifelten Bemühungen unsere Lilien in den Abstieg zu schreiben.

    1. Ich hab jetzt einfach das komplette Wort gelöscht, weil gerade im Satz vorneweg sowohl „noch“ als auch „doch“ auftauchten. Danke für den Hinweis! 🙂

  3. Sehr schöner Artikel! Weiter so! Ich denke auch, dass sich der ein oder andere dieser Platz-18-Tipper wieder gehörig umgucken wird!

  4. NguNgon,

    es wäre schön, mal wieder deine Analysen zu lesen. Ich bin relativ weit weg von den Spielen, sehe nur die Ergebnisse und bin alamiert: die Mannschaft hat sich verbessert, kann aber ihr Potential wg ständiger Rotation nicht abrufen (so sehe ich das zur Zeit).

    Meyer raus?

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