Satz mit X

War nix. Das nennt man wohl einen verpatzten Saisonstart. Die Niederlage des SV Darmstadt 98 gegen den 1. FC Köln an sich ist kein Beinbruch. Man kann gegen Köln auch schon mal verlieren. Um genau zu sein haben die Lilien bereits in der vergangenen Saison im Rückspiel ziemlich schlecht gegen Köln ausgesehen. Außerdem machten die Kölner einen ziemlich eingespielten Eindruck, da passte sehr viel zusammen, man merkte der Mannschaft an, dass sie sich im Sommer kaum verändert hat. Mein Verdacht wäre, dass sich in den kommenden Wochen auch ganz andere Teams gegen Köln noch schwer tun werden.

Die Darmstädter Niederlage war schmerzlich, weil wenig zusammen lief, und weil es nicht so aussah, als ob der Trainer mit zündenden Ideen hätte gegensteuern können. Im Gegenteil. Das Fragezeichen Norbert Meier bleibt also vorerst bestehen. Es brennt als Menetekel über dem Darmstädter Nachthimmel.

Wohlgemerkt: Wenn man dem Fernsehkommentator von Sky während des Spiels so zuhörte, dann klang das so, als habe der SV Darmstadt vergangene Saison die Champions League erreicht, und sei plötzlich und überraschend gegen Köln nicht auf der Höhe. Das wiederum, interessanterweise, ist dann vielleicht doch ein Hinweis darauf, dass ein Bundesligaverein im zweiten Jahr nicht mehr ganz so sehr als Underdog überraschen kann, wie direkt nach seinem Aufstieg (obwohl alle und jeder die Lilien auf Platz 18 prognostizieren). Es ist ja nun nichts Neues, dass die Lilien keine Technikzauberer sind. Es ist auch nichts Neues, dass man sich gerne mal hinten reinstellt und wartet.

Defensivfußball ist kein Verbrechen!

Ich habe in den vergangenen Jahren eine große Freude am Darmstädter Stil entwickelt. Und das meine ich jetzt genauso, wie es da steht. Ich fand es hochgradig faszinierend zuzusehen, wie effektiv man im Fußball verteidigen kann, wenn man klug steht, gemeinsam verschiebt, Räume eng macht, und entschieden in die Zweikämpfe geht. Angesichts der Religion, die One-Touch-Fußball mittlerweile darstellt, war es, ganz nüchtern, sehr spannend zu sehen, dass es auch anders geht. Klar: Ich habe leicht reden. Ich bin gleichzeitig noch SC-Freiburg-Fan. Fan eines Vereins, der Pass- und Kombinationsspiel so sehr zelebriert, dass man lieber in Schönheit stirbt. Ich kann mir also gewissermaßen, je nach Stimmungslage, das beste aus beiden Welten herauspicken. (Andererseits besteht die Gefahr, dass ich diese Saison dabei zusehen muss, wie beide Strategien gnadenlos scheitern. Aber dazu ein anderes Mal).

Jedenfalls: Es ist nicht weniger „Fußball“, klug zu verteidigen, und sich vorrangig darauf zu konzentrieren. Schönheit ist relativ. Als zu Beginn der Geschichte des Fußballs die Engländer vor allem aufs Dribbling setzten, und auf eine schottische Mannschaft traf, die nicht dribbelte, sondern passte, hieß es damals schon: „Das ist nicht Fußball! Die machen den Fußball kaputt!“ Ein paar Jahre später, in der Bundesliga 2015/16 bereitete es geradezu diebische Freude, wie die Darmstädter sich teilweise weigerten, dasselbe Spiel wie der Gegner zu spielen, und diesen damit entweder zur Weißglut brachten oder ratlos zurückließen. Wer ratlos war, war selbst schuld. Meistens waren Teams ratlos, deren Trainer keinen Plan B in der Tasche hatten. Darmstadt 98 in der vergangenen Saison, das war erstaunlich erfolgreicher Defensivfußball mit gekonnt gesetzten Nadelstichen. Hier mal ein schneller Konter, dort mal an der Strafraumkante foulen lassen. Sich foulen zu lassen war die Darmstädter Variante des Ballbesitzes („Ich gebe dir den Ball erst, wenn du mich foulst. Ups, schon passiert! Na gut, dann nehme ich den Freistoß.“) Kurz: Es war ein wenig Wahnsinn. Aber es hatte System.

Was war der Plan?

Das „System Meier“ habe ich gegen Köln aber vergeblich gesucht. Und das ist es, was mich beunruhigt. Meier wollte den Lilien etwas mehr spielerische Elemente beibringen. Was er auf den Platz brachte, war eine Mannschaft, die möglicherweise versuchte, zu spielen, es aber nicht konnte. Ja – natürlich auch, weil sie frisch zusammengewürfelt war. Mit Höhn, Milosevic, Fedetsky, Ben-Hatira, Kleinheisler und Schipplock waren gleich sechs Neue auf dem Rasen. Drei davon waren etwa eine Woche an Bord. Die Frage ist: Warum eigentlich? Warum ließ Meier nicht wenigstens Sandro Sirigu und Antonio Colak auftreten, also die Elf, die im Pokal gegen den Fünftligisten aus Bremen überzeugend als Mannschaft aufgetreten war? Vermutlich wäre man an diesem Tag den Kölnern trotzdem unterlegen gewesen – aber wenigstens als Einheit.

Meier erklärte in der Pressekonferenz, auf genau diese Frage angesprochen, er habe Ben-Hatira in die Startelf genommen, um gegen Köln mehr Kopfballstärke im Repertoire zu haben, weil die Kölner auch einige große Leute hätten. Ich weiß nicht so recht, ob das wirklich ein passabler Grund ist, eine nur halbwegs eingespielte Mannschaft noch stärker durchzuschütteln.

Vergessen wir nicht: Sulu und Niemeyer waren nicht an Bord. Ich hatte in der Saisonvorschau ja mein Veto eingelegt gegen die Aussage, dass Darmstadt einen krassen Aderlass erlitten habe, mit dem Gegenargument, dass mit Gondorf, Heller, Sulu und Niemeyer ganz wichtige Stützen noch an Bord seien. Wenn davon zwei Stützen sich krank abmelden, dann kommt natürlich der Motor ins Stottern. Dann steigt Rauch auf. Das ginge jedem Verein so. Folglich war Meier unverschuldet zu einigen Änderungen gezwungen: An einer Innenverteidigung Höhn-Milosevic führte kaum ein Weg vorbei. Ob Vrancic auf der Doppelsechs wiederum eine gute Idee war, darf man nach dem Spiel wenigstens bezweifeln. Auch Ben-Hatira in der Mitte fand ich eine schlechte Lösung (aber natürlich ist man hinterher immer schlauer). Meiers Erklärung dafür war, dass Ben-Hatira noch nicht fit genug war, um außen zu spielen. Offen gesagt: Er war scheinbar auch nicht fit genug, um im Zentrum zu spielen. Gerade von dieser Verpflichtung hatte ich mir mehr aggressive Explosivität auf dem Flügel erhofft. Wenn wir schon hinten drin stehen, dann wenigstens über schnelle Außenläufe ins Herz stechen. Und da mittlerweile die Gegner wissen, wer „Heller Ist Schneller“ ist, gerne über den anderen Flügel.

Rekordtransfer! Rekordtransfer!

Das Resultat war jedenfalls: Es lief gar nichts. Keine gemeinsame Abstimmung, kein Zusammenhalt, kein gegenseitig füreinander einspringender Kampfgeist. Niemand schien so recht zu wissen, was er tun sollte. Es war der krasse Gegensatz zu all dem, was die Lilien in der vergangenen Saison ausgemacht hat. Der einzige Lichtblick war Torwart Esser.

Jetzt soll ein neuer Stürmer helfen: Roman Bezjak aus Kroatien. Angeblich hat Darmstadt die Schatulle geöffnet, und so viel gezahlt, wie noch nie für einen Spieler in der Geschichte. Ein „Königstransfer“. Im Kickschuh-Blog gibt es auch wieder prompt spannende Details mit einheimischen Fans zu lesen, die ihn zuletzt spielen gesehen haben. Ich habe trotzdem Bauchschmerzen mit dem Transfer. Nicht, weil ich Bezjak nicht zutraue, ein guter Stürmer zu sein. Vielleicht ist er das. Vielleicht ist er besser als Schipplock, Colak und Platte. Die Frage, die sich mir aufdrängt ist: Warum haben wir denn Schipplock, Colak und Platte im Kader? Und als hängende Spitze noch Rosenthal, Obinna, Vrancic und Kleinheisler obendrein? Die Stärke des SV Darmstadt bestand zuletzt darin, Spielern ein Vertrauen zu geben, das sie anderswo nicht bekommen haben – wodurch sie aufgeblüht sind. Das brauchte gutes Scouting, klar. Da war eine Portion Risiko dabei, eine Portion Wahnsinn, ja. Aber es funktionierte, und es war eine clevere Idee, die mehrere Nebeneffekte hatte: Den Zusammenhalt stärken zum Beispiel. Jetzt, mit dem sehr, sehr großen Kader, ist Darmstadt zwar in der Offensive vor Verletzungsausfällen gefeit – aber ein sonderliches Vertrauen spüren Schipplock und Colak derzeit sicherlich nicht. Mindestens einer von ihnen wird perspektivisch nicht zum Einsatz kommen. Und wenn er zum Einsatz kommt – wird er sich dann voll reinhängen? Der SV Darmstadt 98 ist, so scheint es, ein normalisierter Verein geworden. Vielleicht muss das so sein. Aber es verschwindet auch ein weiterer Funken Magie.

Das Darmstadt-Gen

Vielleicht tue ich den Akteuren unrecht. Als Fan hoffe ich es natürlich. Die gute Nachricht ist ja: Es kann nur besser werden. Mit Sulu und mit Niedermeyer. Mit mehr gemeinsamer Spielpraxis. Ben-Hatira und Kleinheisler sind ja keine schlechten Kicker – wenn man alle zusammen in ein System einbindet, und sie alle füreinander einstehen und genau wissen, wer sich wo wann wohin bewegt. Kann Norbert Meier das? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Der lilienblaue Sportwagen: Er sieht ganz passabel aus, und der Motor röhrt, aber er steht auf der Stelle und erzeugt nur Rauch. In einem Interview nach dem Spiel sprach Meier davon, dass „das Darmstadt-Gen“ gefehlt habe. Er klang dabei ein wenig so, als spreche er über die Idee aus einer anderen Mannschaft, die er ganz spannend finde, und die er übernehmen wolle. Und genau das tut er ja auch. Als Darmstadt den Aufstieg gegen Bielefeld feierte, stand ausgerechnet Norbert Meier auf der anderen Seite. Es ist nur ein einziges, anekdotisches Beispiel, und als solches rational betrachtet bedeutungslos – aber Meier hat es zum Auftakt nicht geschafft, die darin erhaltene Symbolkraft abzuschütteln.

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