Über die Physiognomie von Vereinsliedern

Fußballlieder fallen für mich unter zwei Kategorien: Die einen versuchen möglichst einfallsreich zu beschreiben, warum der eigene Verein besser, aufregender, liebenswürdiger und kultiger ist als alle anderen. Die anderen legen vor allem Wert darauf, dass man sie auch nach dem sechsten Bier noch fehlerfrei mitsingen kann. Was in einem überproportionalen Gebrauch von Worten wie „Tor!“, „Meister!“ oder „lalala!“ endet. Oder anders gesagt: Die Lieder der zweiten Kategorie sind im Grunde austauschbar – aber machen dafür umso mehr Spaß.

Interessanterweise haben die zwei deutschen Vereine, denen ich aktuell die Daumen drücke, jeweils sehr typische Vertreter einer dieser Kategorien. Also: Sezieren wir das aktuelle Vereinslied des SC Freiburg, und das Urgestein-Lied des SV Darmstadt. Und schauen wir, ob es einen Punktsieger gibt…

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst am 28. Oktober 2014 auf www.reingemacht.wordpress.com

Freiburg, die Universitäts- und Heidegger-Stadt hat, wenig überraschend, ein ziemlich ausgefeiltes Fanlied. Es kommt in einem für Fanlieder etwas überraschend schnellen Rhythmus daher (bei Fußballliedern eher unbeliebt, weil nach dem sechsten Bier sich dann die Zunge verknotet), hat eindeutig einen starken Charakter in den Irish Folk, und ist geschrieben von einer regional bekannten, sehr experimentierfreudigen und recht hörenswerten Freiburger Folk-Mundart-Band („Fisherman’s Fall“). Die erste Strophe lautet so:

Tief im Süden isch unser Platz.
Sonne verwöhnt unser Dreisamschatz.
Mir gewinne jeden Doppelpass,
spielen alle in unser Bächle nass.
Bei uns da geht kein Ball ins Aus,
denn unser Antrieb heißt Applaus!

Was natürlich zunächst mal auffällt ist die sehr deutliche Verwendung von alemannischem Dialekt (und: Ja, in Freiburg spricht man Alemannisch. Nicht Schwäbisch. Nicht Badisch.) Was den konkreten Text angeht… Viel weiter südlich als Freiburg geht in der Tat kaum, kurz dahinter beginnt schon die Schweiz, und wer von Freiburg aus irgendwo hin nach Deutschland reisen will, muss erstmal zwei oder drei Stunden fahren, bis er überhaupt mal in Mannheim ist (was für viele Nordlichter schon ziemlich, ziemlich weit südlich sein dürfte). Die „Dreisam“ ist der Freiburger Fluss, wie älteren Fußballfans noch bekannt sein dürfte, weil das Stadion vor dem ganzen Irrsinn mit Sponsorennamen mal Dreisamstadion heißt. Ob die Band mit diesem kleinen Verweis das Herz der Fans erwärmen wollte, die noch immer der Meinung sind, dass Stadien nach Flüssen und nicht nach Marken benannt werden sollten, ist mir nicht bekannt.

Der besungene „Doppelpass“ wiederum ist vermutlich der längst überfällige Hinweis darauf, dass es sich hier übrigens um ein Fußballlied handelt. Eventuell darf man ihn auch so verstehen, dass der SC Freiburg sich seit langem rühmt, das schöne Spiel zu spielen. Wir singen also nicht von Toren, sondern von Pässen. Wie man weiß, gewinnt man mit Pässen allein kein Spiel. (Andererseits sang auch schon Grönemeyer in „Bochum“ vom Doppelpass, und „schöne Spielkunst“ und „VfL Bochum“… naja.)

Das „Bächle“ wiederum ist ein ganz besonderes Freiburger Kleinod: Durch die Freiburger Innenstadt ziehen kreuz und quer kleine Bäche, ganz besonders und vor allem in der Fußgängerzone. Als Tourist und Neuankömmling tritt man da sehr gerne mal rein, was einem echten Freiburger natürlich nie passieren würde. Der Mythos besagt übrigens, dass jeder, der dort hineintritt, eine Freiburgerin heiraten wird. Es gibt vermutlich schlimmere Prophezeiungen.

Und der SV Darmstadt?

Hat einen Fangesang, der so beginnt:

Die Sonne scheint,
die Menge tobt und wartet
auf ein Lilientor,
olé, olé, ola!
Die Sonne scheint,
die Spieler sind alle bereit,
es ist soweit,
olé, olé, ola!

Wie unschwer zu erkennen, ist das einzige Wort, das auf Darmstadt hinweist, das „Lilientor“ (weil der Verein auch die „Lilien“ genannt wird), das, seien wir ehrlich, auch gegen fast jedes beliebige andere Symbol oder Adjektiv ausgetauscht werden könnte. Dafür haben wir eine bemerkenswerte Anzahl an „olé“. Was genau so die Sonne mit der Sache zu tun hat, wird nicht ganz klar. Darmstadt ist zwar in der Tat der sonnigste Ort Hessens (im Schnitt 1685 Stunden Sonne im Jahr), liegt aber weit abgeschlagen hinter Spitzenreiter… Freiburg! (1740 Stunden Sonne im Jahr).

Schauen wir also auf die Refrains. Freiburg wartet auf mit:

SC Freiburg vor, immer wieder vor,
mir stürmen jedes Tor, hey, SC Freiburg vor. (2x)

Während Darmstadt vor dem Refrain erst noch eine kunstvolle Brücke einbaut:

[Brücke:] Oh Lilien, oh Lilien, oh Lilien!
Ooooooooooh!
Oh Lilien, oh Lilien, oh Lilien!
Ooooooooooh!

[Refrain:] Vor, vor, vor, schießt ein Tor,
Tor, Tor, Tor, Lilien vor!

Das ist nun in der Tat ganz große Dichtkunst auf Seiten der Darmstädter. Die Freiburger Texter haben sich offenbar entschlossen, dass zu viel Intellektualität einem Fußballlied nicht gut tun kann, und dass zumindest der Refrain was mit „Tor!“ zu tun haben muss. Dagegen grenzt der Liliensong fast schon in seiner dichterischen Eleganz an Dadaismus… alleine die doppelte Verdrehung der Worte „Vor!“ und „Tor!“ ist ganz großes Kino. Und vor allem: Es hat gnadenlosen Ohrwurmcharakter. Wer einmal „Oh Lilien!“ gehört hat, hört es garantiert bis zum Ende des Tages immer wieder im Kopf.

Beweis gefällig?

Aber es warten ja noch jeweils die zweiten Strophen.

Freiburg wird wieder lokalpatriotisch:

Schwarzwälder Bier, Badischer Wein
Münschter und Tannen hier sin‘ mir daheim
Ob Bayern, Preußen oder Schwaben
Alle geh’n in Freiburg baden
Bei uns da geht kein Ball ins Aus
Denn unser Antrieb heißt Applaus

Man sollte dazu wissen, dass traditionell vor jedem Freiburg-Spiel auch noch das „Badnerlied“ gesungen wird, eine 1865 (!) entstandene Regionalhymne, die mit fast vergessenen deutschen Begriffen wie „Deutschlands Gau’n“, „Silbererz“ und „Edelmann“ aufwartet. Unter anderem taucht dort auch der Freiburger Wein auf. Da in Fußballstadien, selbst in badischen Fußballstadien, aber traditionell eher Bier als Wein konsumiert wird, ist die doppelte Würdigung Schwarzwälder Alkoholika im Freiburg-Song aber vermutlich nur folgerichtig.

Aus süddeutscher Sicht sind alle Nordlichter selbstverständlich „Preußen“, und die allerwichtigste Rivalität für jeden Badener ist sowieso der ungeliebte Nachbar, der Schwabe. Es gibt Leute, die argumentieren, dass ein Spiel zwischen zwei Vereinen, die etwa 188 Straßenkilometer voneinander entfernt liegen, unmöglich ein „Derby“ sein könne. Das mag zwar sein, verkennt aber völlig, dass zwischen Baden und Schwaben eine politisch-regional-kulturelle Rivalität liegt, die viel tiefer geht, als die meisten innerstädtischen „Derbys“ so zu bieten haben. (Und die, genauso wie innerstädtische Rivalitäten, auch damit zu tun haben, dass man sich am Ende vielleicht doch irgendwie sehr nahe ist).

Das ist also, seien wir ehrlich, nochmal etwas Lokalkolorit, ein kräftiger Schubs Richtung Lieblingsfeinde, und etwas Fußball-Doppelpass-Tor-Tor-Wiederholung. Insgesamt eigentlich nicht weiter bemerkenswert, wenn man mal davon absieht, dass die These gestützt wird, möglichst viel vereinstypische Besonderheit unterzubringen.

Was hat da Darmstadt zu bieten? Viel. Nämlich möglicherweise eine der wunderlichsten Strophen im Kosmos der Fangesänge.

Olí, Olá
Jetzt gibt’s ein schönes Tor,
wir stürmen alle vor,
Olé, Olé, Olá

Okay, bis hierhin nichts Außergewöhnliches. Mal abgesehen von noch mehr „vor!“ und „Tor!“ und „olé“, jetzt sogar schon in der Strophe. Was dann doch wieder bemerkenswert ist. Aber dann:

Der Ball ist rund,
es kann schon passier’n,
dass ihr mal verliert,
ist nur ein Spiel
Olé, Olé, Olá

Ich meine, mal ehrlich: „Kann passieren, dass ihr mal verliert, Schwamm drüber, ist nur ein Spiel…“ Als Anfeuerungslied? Ernsthaft? Wow. Ich ziehe meinen Hut. Tief. Vor allem die Kombination mit alten Sepp-Herberger-Weisheiten und noch mehr „olé“ macht die Sache wirklich… nun ja, wie soll ich sagen: Rund?

Freiburg hat allerdings sein Pulver noch nicht verschossen, es folgt eine ebenfalls recht denkwürdige Passage:

Oh! E-oh! SC, SC, Freiburg vor!
Oh! E-oh! Imma, imma wieda vor!
Oh! E-oh! SC, SC Freiburg vor!

Klingt nicht besonders? Ja, mag sein. Die Besonderheit liegt darin, dass diese Art von Coda gesungen wird von einem ehemaligen Spieler: „Mo“ Idrissou, 2008/09 noch großer Mannschaftsliebling, später durch seine Allüren in Ungnade gefallen. Idrissou verließ Freiburg, weil er „Champions League spielen“ wollte. Das „E-oh“ bekommt durch die knarrig-soulige Stimme Idrissous, und die entsprechende Instrumentenuntermalung tatsächlich einen leicht afrikanischen Reggea-Flair, was vermutlich auch wiederum Absicht war, schließlich war der SC ebenfalls seit Bundesliga-Zugehörigkeit dafür bekannt, viel in Frankreich und im frankophonen Afrika zu scouten.

Idrissou bekam übrigens nach seinem Abgang von den Fans noch ein ganz eigenes Lied gewidmet: Da es mit den Gladbacher Champions-League-Ambitionen 2010/11 nicht so wirklich klappte (16. Platz, der SCF landete dagegen dank 22 Tore von Papiss Demba Cissé auf dem 9. Platz), verhöhnten die Freiburger Fans Idrissou mit dem denkwürdigen: „Idrissou spielt Champions League auf PS3, die ganze Nacht, von 12 bis 8“. Ändert aber nichts daran, dass er bis heute auf der Aufnahme des Fansongs singt.

Nachzuhören ist das Freiburger Fußballlied mit Idrissou-Stimme hier:

Punktsieg?

Ich kann mich nicht entscheiden. Freiburger Afro-Lokalpatriotismus gegen Darmstädter Sonnenschein-Dadaismus. Beide Lieder haben übrigens noch eine Sache gemeinsam: Sie wurden ursprünglich zu einem völlig anderen Verwendungszweck getextet.

„SC Freiburg vor!“ basiert auf der Melodie eines von der besagten Freiburger Folk-Gruppe geschriebenen Lieds namens „I kumm ja scho“ (von dem es leider kein Youtube-Clip gibt, dessen Text man aber als Nicht-Badener im Grunde nicht verstehen kann).

„Oh Lilien!“ wurde geschrieben vom italienischen Musiker und Songwriter Alberto Colucci, der das Lied ursprünglich „Go, go, go, to Mexico“ getauft hatte – und es für den Wettbewerb als WM-Lied für die WM 1986 in Mexiko einreichte; damals, als Fußballnationalmannschaften noch Hymnen schmetterten. Stattdessen gewann allerdings bekanntlich Peter Alexander mit „Mexiko, mi amor“. Also schrieb Colucci das Lied für die Lilien um. Schade eigentlich: „Beim Text ging es darum, dass der Kampf auf Deinem grünen Teppichrasen stattfinden wird und alle zum Rhythmus von Samba und Rumba feiern.“ Sagt Colucci. Man kann es sich förmlich vorstellen. Olé, olé, ola!

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