Der Böllenfalltoreffekt

Jeder Fan hofft wohl insgeheim bei jedem Spiel, dass sein Club siegen wird, aber hätte der SV Darmstadt zu diesem Zeitpunkt, sagen wir, zwei Punkte erspielt – die Lilienfans würden vermutlich die Schulter zucken und sagen: „War zu erwarten. Bundesliga eben.“ Stattdessen aber sieht alles ganz anders aus: 9 Punkte haben die Darmstädter nach sechs Spieltagen auf dem Konto. Siege gegen Bremen und Leverkusen, Unentschieden gegen Schalke, Hannover und Hoffenheim. Nur die Bayern waren eine Nummer zu groß.

Wie haben sie das geschafft?

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst am 23. September 2015 auf www.wordpress.reingemacht.de.

Nicht durch besonders raffiniertes Spiel jedenfalls. Die Statistiken von Darmstadt bei whoscored.com sprechen da eine ziemlich eindeutige Sprache: Der SVD ist liegt sowohl bei den angekommenen Kurzpässen als auch bei den angekommenen langen Pässen auf dem 18. Platz der Bundesliga. Obwohl die Bayern nur etwa die Hälfte an langen Pässen schlugen, kamen fast doppelt so viele an (214 vs. 141 für Darmstadt). Die Lilien erreichten bislang überhaupt nur zwei Mal eine Passquote von deutlich über fünfzig Prozent angekommener Pässe. Also… je nach dem, was man in diesem Fall als „deutlich“ bezeichnen möchte. Gegen die Bayern (57%) und gegen Bremen (55%). Oder anders gesagt: Jeder zweite Pass der Lilien geht ins Nirwana. Wie genau will man denn ein Spiel gewinnen, wenn es reines Würfelglück scheint, ob das Zuspiel klappt?

Zeitspiel, Glückstore, „englische Mannschaft“?

Ich habe mir tatsächlich bislang den Großteil der Darmstädter Spiele als Einzelspiele angesehen, und fand sie erstaunlich unterhaltsam, aber das mag auch an der Fansicht liegen: Wenn Welle um Welle Leverkusener Angriffe auf das Tor zurollen, und irgend jemand immer noch den Fuß dazwischen bekommt, dann ist das für den Lilienfan Adrenalin pur. Für den neutralen Fan jedoch vermutlich eher langweilig. Spielverlagerungsautor Tobias Escher hatte bereits vor Bundesligastart im Rasenfunk sein vernichtendes Urteil über Darmstadt gefällt und untermauert das seitdem auf spielverlagerung.de sowie Twitter mit der „Darmstadt-Watch“: Ballbesitz meh, Passquote meh, lange Bälle meh. SV-Kollege Rene Maric war etwas wohlwollender und bescheinigte den Lilien zwar einerseits das Abziehbild sämtlicher Stereotype über langweilige englische Mannschaften zu sein, andererseits aber – im Gegensatz zu diesen – zum Beispiel im Spiel gegen die Bayern ballorientiert verschieben zu können und „ansatzweise organisierte Strukturen im Umschaltspiel“. Tatsächlich zeigte Darmstadt ironischerweise im Spiel gegen die Bayern die eigentlich bis dato beste Saisonleistung mit ein paar schlau kombinierten Spielzügen.

Also wie kam der SVD jetzt mit solch biederer Taktik überhaupt zu Punkten?

Die Standard-Erklärungen verweisen je nach Sympathie für die Lilien darauf, dass man das eben mit eisenharter Defensive geschafft habe, mit „unfairem Zeitspiel die Glückstore über die Zeit rettet“ oder auf Standards hofft (3 der 6 Lilien-Tore waren Standards oder Elfmeter). Daraus schimmert durch: Irgendwie hat Darmstadt halt Glück gehabt, und mit einem komplett altertümlichen Spielstil sich ein paar Punkte zusammengerumpelt und erstolpert. Sprich: „Beim nächsten Spiel hört das auf.“

Möglich.

Möglich, dass den Lilien irgendwann die Luft in ihrem physisbetonten Spiel ausgeht. Der SVD hat zwei bis vier Wochen vor den anderen Bundesligisten mit den Konditionstraining angefangen, um für die besondere Aufgabe Bundesliga fit zu sein. Bislang sind sie das. Aber wie lange hält man das durch? Möglich auch, dass die Aufstiegseuphorie irgendwann verpufft, der Einsatzwille ein paar Prozent nachlässt, die Erwartungen nur ein klein bisschen steigen und dann die schlechten Ergebnisse hageln. Am SC Paderborn konnte man das vergangene Saison studieren. Die hatten am sechsten Spieltag 2014 immerhin auch 8 Punkte auf dem Konto.

Das willkommene Image der Discounter-Mannschaft

Möglich auch, dass die Gegner tatsächlich irgendwann aufhören, die Darmstädter zu unterschätzen. Die Süddeutsche Zeitung hatte vor ein paar Wochen in einer launig geschriebenen Analyse aufgezeigt, dass Trainer Dirk Schuster es bislang rhetorisch exzellent schafft, das Underdog-Image der Lilien bis ins Unermessliche zu steigern und so trotz der ersten Achtungserfolge komplett unter dem Radar zu fliegen. Anders gesagt: Auch Schuster spielt fleißig auf dem Klavier, dass der ganze Bundesliga-Ausflug der Lilien eigentlich kompletter Zufall ist und der Spuk bald beendet sein wird. Man wird als Zuschauer tatsächlich das Gefühl nicht los, dass die Gegner gegen den SV Darmstadt 98 mit fünf bis zehn Prozent weniger Konzentration spielen, und sich vor allem spätestens zur Halbzeit richtig schön fuchsig machen lassen, wenn sie nicht „standesgemäß“ führen. Auch daher kommen wohl die zahlreichen verballerten Chancen.

Dazu trägt auch das Böllenfalltor bei. Das Darmstädter Stadion, das mittlerweile in der Berichterstattung ein Klischee seiner selbst geworden ist. Eigentlich kann man es schon nicht mehr hören, wie das Unkraut auf den Stehplätzen wuchert, und die Kabinen den Charme der Kreisklasse verströmen, und so weiter und so weiter, und gleichzeitig ist man dann doch jedes Mal ein Stückchen fasziniert davon, wenn die Medien beschreiben, wie Guardiola an Waschtrog, Lüftungsrohr und dem Gerümpel des Platzwarts vorbei zur Kabine läuft. Mein Gefühl ist mittlerweile: Es ist gar nicht so sehr das Stadion selbst, das die Gegner irritiert. Es ist tatsächlich mehr das Gerede über das Stadion. Ich war zugegeben nie Profifußballer, aber dafür mal eine zeitlang Schauspieler. Wenn du auf die Bühne trittst, dann vergisst du die vergilbten Vorhänge in der Umkleidekabine. Dann zählt nur der Moment. So ähnlich stelle ich mir das auch für Fußballer vor. Was aber vermutlich viel schwerer aus dem Kopf zu bekommen ist, ist die schon Tage zuvor geschürte Erwartung und die Vorbereitung aufs Spiel. Fußball ist (auch) Psychologie.

Ich taufe das mal den Böllenfalltoreffekt.

Und ich behaupte, der Böllenfalltoreffekt existiert sogar doppelt. Einmal beeinflusst er unterbewusst die Gegner. Zum anderen sagt er etwas aus über die Darmstädter Spieler.

Aussortiert und hoffnungslos?

Damit meine ich nicht, dass man sich als Spieler des SVD besonders reinhängt, weil so viel „Traditon“ um einen herum wabert, die Fans so urig sind, das Stadion so rustikal und das Vereinsmotto „Aus Tradition anders“ sofort auf einen abfärbt. Das wäre mir, ehrlich gesagt, etwas zu simpel. Ich glaube, das Umfeld hat sehr wohl etwas mit dem Darmstädter Erfolg zu tun, aber Ursache und Effekt sind genau umgekehrt: Wer sich entschieden hat, nach Darmstadt zu kommen, der hat bereits zu diesem Zeitpunkt eine Charakterentscheidung getroffen.

Dirk Schuster hat es, wie mehrfach beschrieben, in bemerkenswerter Weise hinbekommen, aus „aussortierten und hoffnungslosen“ Spielern eine Aufstiegsmannschaft zu formen. Leon Balogun war bereits arbeitslos, als er von Darmstadt angefragt wurde – heute spielt er bei Mainz. Romain Brégerie war als Kapitän von Dynamo Dresden mitverantwortlich für den Abstieg und spielte eher mittelmäßig – mit den Lilien wurde er zum Garant für den Aufstieg (und wechselte dann zu Ingolstadt). Dasselbe „Beuteschema“ legte Schuster auch nach dem Aufstieg wieder an. Unter den „aussortierten und hoffnungslosen“ Spielern befanden sich diesmal unter anderem Konstantin Rausch (Totalausfall in seinem Jahr beim VfB, spielte seit Februar in der 3. Liga), Luca Caldirola (Marke „ewiges Talent“ bei Werder) und Sandro Wagner („Chancentod“ und „Antifußballer“ aus Sicht der Hertha-Fans). Auch Rosenthal, Niemeyer und Holland wurden von ihren Clubs bereitwillig ziehen gelassen. Darmstadt zahlte 350.000 Euro Ablöse für Holland und 100.000 Euro Leihgebühr für Caldirola. Discounter-Ware.

Bisherige Bilanz: Rausch mit einem Tor und einer Vorlage, Sandro Wagner mit zwei Toren gegen Bremen (hätte Lewandowski am Dienstag nicht seine Zaubershow abgezogen wäre die unglaubliche Nachricht des Abends ja gewesen, dass Sandro Wagner (!?!) zwei Tore (!!) geschossen hat). Caldirola, Niemeyer und Holland allesamt Stammspieler mit jeweils sechs Einsätzen.

Wie zum Teufel stellt Dirk Schuster das an?

Vielleicht ist er ein besonderer Motivator. Vielleicht hat der knorrige Ex-Verteidiger eine spezielle Begabung, bei angeblich gescheiterten Existenzen an ihre Ehre zu appellieren und ihnen das benötigte Vertrauen zu schenken. Zumindest feiert er mit genau diesen Spielertypen jetzt schon seit Jahren Erfolge. Vom Zufall kann man da eigentlich nicht mehr sprechen.

Darmstadt ist nicht Dubai

Ich glaube allerdings wie bereits erwähnt, dass noch etwas anderes hinzukommt: Der Böllenfalltoreffekt. Und der bedeutet in diesem Fall, dass all diese Spieler mit ihrer Entscheidung, nach Darmstadt zu kommen, sich zu einem Teil selbst aus ihrem Sumpf gerissen haben. Worin immer genau dieser Sumpf vorher bestanden haben mag: Lethargie, Arroganz, Erfolglosigkeit, Resignation, Angst. Anders gesagt, und, Achtung, fünf Euro ins Phrasenschwein: Darmstadt ist nicht Dubai. Wer nach Darmstadt kommt, den erwarten eben jene besagten rustikalen Kabinen (denn, Achtung, die Gegner sind da nur einmal in der Saison, die Darmstädter sind dort das ganze Jahr), simple Trainingsinfrastruktur (trotz eines neuen Naturrasenplatzes), ein gekürztes Gehalt (bei einigen Spielern ist allerdings denkbar, dass die abgebenden Vereine das Gehalt weiterhin aufstocken) und hartes Training (siehe: extra einige Wochen vorher starten um besonders viel Kondition zu bolzen).

Kurz: Das hochgelobte Talent, das der Meinung ist, mit schludriger Trainingseinstellung Wunder zu vollbringen, wird in Dirk Schusters Darmstadt nicht glücklich. Und das ist, den Medien und ihren Sensationsgelüsten nach dem Schimmelkabinen und Unkraut, auch jedem vorher klar. Und falls nicht, wird er beim Job-Interview erstmal persönlich durch die heiligen Hallen geführt.

Wir wiederholen: Fußball ist Psychologie. Und Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Was spricht gegen die These, dass die Rauschs, Wagners und Caldirolas, die zum SVD gewechselt sind, damit einen ersten Schritt gegangen sind, den sie vorher offenbar nicht gehen konnten oder nicht gehen wollten? Einen Schritt, der so eben auch nur in Darmstadt möglich gewesen wäre, und eben nicht in Dubai. Und wenn wir das alles zusammenfassen: Die bewusste Sinnestäuschung der Gegner, den erfolgreich angestachelten eigenen Ehrgeiz der Gescheiterten, die klare und simple taktische Einstellung, die zum Underdog-Image passt, das Dogma der Lauf- und Kampfbereitschaft des Trainers, mit dem all das noch unterfüttert wird … dann hat man tatsächlich eine Erklärung, wo zum Teufel diese 9 Darmstädter Punkte hergekommen sind, mit denen die Lilien am sechsten Spieltag von Rang 10 grüßen, und damit, seien wir ehrlich, auch ihre eigenen Fans überrascht haben.

Ist das ein Modell, mit dem man 34 Spieltage bestreiten kann?

Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Es wird auf jeden Fall davon abhängen, wie lange er noch anhält – der Böllenfalltoreffekt.

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