Phasen einer Trennung

Warten ist schmerzhaft. Vergessen ist schmerzhaft. Aber nicht zu wissen, was davon man tun soll, ist das Schlimmste.
(Paulo Coelho)

Zweifelt noch irgend jemand daran, dass Fußballfan zu sein in etwa so nervenaufreibend, emotional aufgeladen oder anstrengend ist, wie eine Beziehung zu führen? Die Parallelen werden ja in allen möglichen Analogien und Zitaten rauf und runter genudelt (Cantona hatte ich ja hier bereits erwähnt), und, seien wir ehrlich: Beziehungen gehen, aber die Bindung zum Verein bleibt. Inklusive aller Höhen und Tiefen. Nun ist zwar so ein Verein etwas recht dauerhaftes, das Personal aber mitunter nicht. Also, um genau zu sein: Meistens nicht.

Der Hass der gegenüber Spielern entwickelt wird, die den eigenen geliebten Verein verlassen, trägt ja nicht selten schon stark pathologische Züge. Kennen wir alle, oder? Wie kann denn dieser Idiot nur, freiwillig, den besten Verein der Welt verlassen? Nun gibt es ja bekanntlich in der Psychologie verschiedene Phasen des Trennungsschmerzes. (Um genau zu sein durfte ich bei einer Kurzrecherche feststellen, dass zwar alle wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Artikel und Publikationen sich einig sind, dass es „Phasen“ gibt, aber jeder seine eigenen Phasen festlegt. Ich habe mich jetzt mal für das Modell von www.lieberkummer.org entschieden.) Spätestens seit heute Morgen habe ich das Gefühl, dass die Lilienfans aktuell sämtliche Züge einer stark wuchernden Beziehungsphasendurchlebung erleiden. Wegen Dirk Schuster.

Erste Phase: Vorahnung

Nun, wir haben es natürlich alle gewusst. Wir sind ja nicht blind. Die guten Fußballtrainer sind für jeden Fan gewissermaßen die Traumfrau, von der er irgendwie schon im Vorhinein weiß, dass sie ihn nicht heiraten wird. Und Dirk Schuster war… nunja – ziemlich gut. Er hat die Lilien in die von der 3. Liga in die Bundesliga geführt, er wirkte neben dem Platz als aufrichtiger, sympathischer Mensch. Gut, er hat vielleicht nicht besonders attraktiven Fußball spielen lassen. Aber wir sind ja auch Darmstadt. Die mit dem pickligen… äh… schimmligen Stadion. Unsere Traumfrauen sind nicht perfekt. Als Schuster im April 2015 seinen Vertrag verlängerte, konnte man sich direkt fragen, was das nun konkret bedeutet. Dass er im Sommer 2015 abhaut, vermutlich nicht. Vermutlich. Aber Sommer 2016? So… nach dem voraussichtlichen Wiederabstieg? Möglich. Egal – lassen wir es noch ein Jahr krachen. Im Laufe der Saison 2015/16 waberten dann immer wieder Gerüchte und Vorahnungen herum, erst recht, wenn Schuster sich auf direkte Anfragen eher ausweichend zeigte (diese berühmten Fußballerstandardfloskeln: „Ich weiß nicht, was morgen passiert“ und „Im Fußball kann immer alles so schnell gehen“). Aber eigentlich dachten wir dann nach dem 34. Spieltag wohl, es sei erstmal alles überstanden. 2017 geht er zwar dann bestimmt. Aber nicht jetzt. Nicht. Jetzt.

Zweite Phase: Schock

Überrascht? Überrascht. Beziehungstrennungen kommen ja immer plötzlich. Man denkt nach all den Unsicherheiten und Zweifeln und der großen Vertrauenskrise gerade, das Schlimmste sei vorüber, da grübelt der Partner noch immer, ob er bleiben soll, und kommt zum Schluss: Nah, ich trenne mich jetzt! Und: „Du, wir müssen reden.“ Schuster redete in diesem Fall mit dem Präsidium und nicht mit uns Fans. Das war schon mal die erste große Wunde: „Er hätte es ja auch mal vorher sagen können.“ Also… wir haben es ja geahnt, dass er uns irgendwann sitzenlässt, aber doch nicht… so!?!

Dritte Phase: Verhandeln

Wenn man eine Trennung nicht akzeptieren will, fängt man an, zu verhandeln. Entweder direkt mit dem Partner, oder, falls der sich schon von dannen gemacht hat, mit sich selbst. Anders gesagt: Man macht sich noch Hoffnungen, dass sich die Sache irgendwie umbiegen lässt, wenn nur ein paar Dinge richtig laufen. Was ich im Umfeld und über Social Media von den Lilienfans mitbekommen habe, war die Lage gemischt. Einige sind gleich direkt zu Phase Vier gesprungen, andere haben noch darauf spekuliert, dass die Messe nicht ganz gelesen ist. Schließlich ist eine „Bitte um Freigabe“ noch kein Weggang. Schließlich müssen die Vereine Darmstadt und Augsburg erst noch verhandeln – im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich um die Ablöse. Und da war bei sehr vielen Darmstadt-Anhängern die Sache völlig klar: Wenn angeblich Weinzierl für kolportierte fünf Millionen zu Schalke wechselt, dann ist Dirk Schuster aber mindestens fünf Millionen wert. Schließlich war Schuster der Kicker-Mann-des-Jahres. Und was war Weinzierl? Eben. Die Medien befeuerten das dann noch kräftigst mit so markigen Sätzen wie: Darmstadts Vereinspräsident Rüdiger Fritsch „soll ein guter Pokerspieler sein.“ Na, wenn da keine Hoffnung beim liebeskummernden Fan aufkommt! Ich bin natürlich auch selbst vollkommen schuldig, schließlich habe ich einen langen Blog-Beitrag darüber verfasst, warum Schuster es sich doch nochmal anders überlegen soll, beziehungsweise, warum ich ihn ja irgendwie verstehe, aber mich über diesen Aspekt ärgere und jenen Aspekt ärgere, und das alles insgesamt überhaupt nicht schön finde. Unter uns: Das klingt mir aber ziemlich nach Trennungsschmerz.

Vierte Phase: Wut

„Mensch Lily, wenn der Dirk dich nicht will, hat er dich auch nicht verdient!!!“ Es dauerte überhaupt nicht lange, bis den ersten Fans genau das durch den Kopf ging. Nach dem Schock kommt der Ärger. Typischer Satz: „Der Verein ist größer als alle Spieler und Mitarbeiter.“ Schmollmund. Wir überleben das. So! Soll der Dirk doch zu seiner doofen, neuen Nuss gehen. In dieser Phase tritt zwangsläufig „der beste Freund“ oder „die beste Freundin“ auf. Die sind eigentlich gar nicht wirklich beste Freunde, aber sie tun so. Und vor allem haben sie einen sadistischen Spaß daran, wechselweise aufmunternde Plattitüden abzufeuern, oder wilde Gerüchte in die Welt zu setzen: „Ich hab gehört, der Dirk hat voll über dich abgelästert!“ Diese Rolle hat in diesem Fall – wer sonst? – die „BILD“ übernommen, die mit so wundervollen Gerüchten daherkam wie: „Schuster ist sauer, dass Darmstadt 1,5 Millionen für ihn fordert.“ Wo der Texter diese Information her hat, ob das auch nur halbwegs auf gesicherten Füßen steht – belanglos. Meine Twitter-Timeline war jedenfalls voll mit erbosten Kommentaren: „Der spinnt wohl!“ (Wir hatten ja schon weiter oben geklärt, dass Schuster mindestens fünf Millionen wert ist, aber Pokerspieler Fritsch da vielleicht noch mehr draus macht…). Man bedenke: Dirk Schuster galt eigentlich noch bis vor wenigen Tagen als der größte Held am Böllenfalltor. Die ganze Stadt (soweit sie Fußballfan war) lag ihm zu Füßen. Innerhalb nur weniger Tage gesellten sich zum „Soll er doch weggehen“ und „Der hat uns nicht verdient“ Sätze wie: „Hat man doch immer gesehen, dass der SVD für ihn nur ein Mittel zum Zweck war. Das ist halt ein Rabauke. Sieht man ja auch an dem Spielstil, den er spielen lässt.“ Und so weiter. Diagnose: Wir sind aber alle mal sowas voll in Phase Vier unseres Liebeskummers!

Fünfte Phase: Akzeptanz

Bald ist es dann also um. Die ersten Medien melden bereits baldigen Vollzug. Und irgendwann kommt dann eine neuer Kerl. In den verlieben wir uns wohl nicht sofort, aber wenigstens darf man dann an etwas anderes denken, und sich über die Macken des Neuen aufregen, anstatt immer nur dem Typen da nachzutrauern, der es eh nicht wert war. Und alles geht wieder von vorne los.

Wir sind schon ziemlich krank, wir Fußballfans.

2 thoughts on “Phasen einer Trennung

  1. Das ist eine sehr gute Frage, und die verdient vermutlich einen eigenen Blog-Eintrag, der etwas länger werden könnte. Die kurze Antwort ist: Ich weiß es nicht.

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