Wo ist der Kopf?

Ich komme mir ja fast etwas seltsam vor, wenn ich die alberne deutsche „Leitwolf“-Debatte auf Frankreich übertrage, aber für mich ist eine der Erkenntnisse des Spiels FRA-ALB: Frankreichs Elf fehlt bislang bei der EM 2016 ein Kopf. Dabei gehen alle Blicke und Finger sofort immer auf Pogba, und ich finde, Pogba ist nur teilweise das richtige Ziel. Pogba ist jung, Pogba ist in der Selbstfindungsphase zwischen „Talent“ und „Superstar“, man merkt im förmlich an, wie er ständig im Kopf mit sich selbst beschäftigt ist. Nicht, weil er ein überzogen egozentrischer, schwieriger Charakter wäre, sondern eher, weil er gewissermaßen in der eigenen Fußballerpubertät steckt, in der ganz viele Dinge vorgehen, die man nur mit etwas Abstand und Erfahrung richtig einordnen kann. Zu seiner Verteidigung: Zinédine Zidane, mit dem Pogba immer so gerne schon verglichen wird, war mit 23 Jahren noch ein Spieler in Bordeaux (1995), der ein Jahr später im Uefa-Pokalfinale an Bayern München scheitern würde. Michel Platini spielte mit 23 Jahren noch bei AS Nancy (1978). Von ihren großen Triumphen als Lenker und Denker bei internationalen Turnieren waren beide da noch ein paar Jahre entfernt.

Vergessen wird dabei auch gerne, dass die ruhige, leitende Hand in der französischen Meistermannschaft 1998 nicht Zidane war – sondern „General“ Laurent Blanc und ein gewisser Didier Deschamps als defensiver Mittelfeldsortierer. Ach, eigentlich bestand die gesamte Abwehr inklusive Leuten wie Thuram, Desailly oder Lizarazu aus Leuten, auf die man sich verlassen konnte. Frankreich 2016 fehlen gerade die Spieler, die ein Spiel beruhigen oder auch mal die Mannschaft antreiben können. Dazu müssen sie keine laut schreienden Leitwölfe sein – aber sie brauchen eine gewisse Ausstrahlung, ein gewisses Standing, Routine gepaart mit Können, die in dieser Form derzeit niemand ausstrahlt. Kanté (wenngleich vom Charakter her eher schüchtern) könnte so einer werden, ist aber gerade neu dazu gekommen. Der Innenverteidigung mit Koscielny und Rami fehlt die spielgestalterische Übersicht. Die Außenverteidiger sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, Évra hatte seine Chance als Kapitän – er hat sie in der Krise von Knysna, nun, sagen wir: nicht sonderlich gut genutzt. Payet ist ebenfalls erst neu im Team. Und so weiter… Tatsächlich bleibt die Rolle zwangsläufig an Paul Pogba hängen, er vereint als einziger sowohl das Können, die Übersicht, die Ambition und auch die Anerkennung. Aber, wie gesagt: Fußballerpubertät.

Man darf dabei auch nicht vergessen, wie kurzfristig diese Mannschaft sich erst gebildet hat. Noch vor einigen Monaten hätte „Frankreich 2016“ völlig anders ausgesehen – mit einem spielgestalterischen Varane in der Innenverteidigung. Mit Lassana Diarra, der im defensiven Mittelfeld Sicherheit und Routine ausstrahlt. Vielleicht mit Valbuena als Mittelfeldmotor. Mit Spielern wie Mathieu, Sakho oder Debuchy als Varianten und Garanten für die Abwehr. Les Bleus, wie wir sie aktuell sehen, sind als Team in der Findungsphase. Natürlich: Wären all diese Spieler mit an Bord, hätte es wohl keinen Auftritt von Payet noch von Kanté gegeben, und zwei der aktuell größten Lichtblicke (und sympathischsten Spieler) wären unter den Tisch gefallen. Vielleicht ist die aufgeblähte EM mit 24 Teilnehmern auch eine Chance für die Franzosen, sich im Laufe des Turniers zu finden, zu sortieren und ihre Abläufe aufeinander abzustimmen (die Frage, ob Deschamps wirklich einen Offensivplan hat klammere ich an dieser Stelle mal aus).

Denn auch das ist zweifellos die Wahrheit: Meistermannschaften wirken im Nachhinein immer vollgespickt mit herausragenden Spielern und richtig großen Typen. Dazu werden sie aber in vielen Fällen erst durch den Erfolg.

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