Rochaden gegen Albanien?

Stellt Didier Deschamps um? Eigentlich gehören die Franzosen zu denjenigen Teams, die mit einer sehr festen Spielstruktur arbeiten. Deschamps liebt sein 4-3-3, und hat in der Vergangenheit zwar viel mit dem Personal, aber relativ wenig mit der Formation experimentiert. Vor dem Spiel gegen Albanien am Mittwoch Abend (21 Uhr) ist aber jetzt von den Medien die große Debatte losgetreten worden, ob der Nationaltrainer möglicherweise umstellen will – auf das 4-2-3-1, wie es die Franzosen bereits in der Schlussviertelstunde gegen Rumänien praktiziert hatten. Und: Ob Deschamps nicht vielleicht sogar, im Namen der Nation sozusagen, umstellen muss.

4231Die aktuelle Umfrage von France Football ist jedenfalls überraschend deutlich: Am Dienstagabend möchten 57% der bislang 4000 Internetnutzer, dass System umstellt. Am Montag immerhin war im öffentlichen Training zu sehen, dass in der nominellen „A-Mannschaft“ Martial, Giroud und Griezmann spielten, in der „B-Mannschaft“ dafür Payet, Gignac und Coman aufliefen. Inwieweit das tatsächlich Rückschlüsse auf das Spiel gegen Albanien ziehen lässt, ist derweil fraglich, das Dienstagstraining fand nämlich hinter verschlossenen Türen statt.

Die französischen Sportjournalisten bringen ein anderes System ins Spiel. In dem 4-2-3-1, das durch die Medien geistert, spielen auf den Flügeln Martial und Coman, die beiden Youngster, und als zentraler Spielmacher Dimitri Payet. Es fehlen: Antoine Griezmann und Paul Pogba.

Verlierer der Woche I: Antoine Griezmann

„Sorge um Griezmann“ titelte am Dienstag die L’Equipe, und der Artikel wurde von den deutschsprachigen Presseagenturen schnell aufgegriffen und weiterverbreitet. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich das Ganze als etwas aufgeblasene heiße Luft. Im Grunde ging es nur um folgendes: Griezmann ist der in der französischen Mannschaft der Spieler mit den meisten Einsatzminuten der Saison. Für Atletico Madrid spielte er 54 Spiele und 4.381 Minuten (mit Länderspielen sogar 4.965 Minuten). Eine „Bedrohung“, die noch im selben Artikel widerlegt wird. Gegenüber dem Fernsehsender TF1 erklärte Griezmann: „Ich bin in Spitzenform, ich war nur nach dem CL-Finale etwas müde, aber ich hatte genug Zeit, um mich zu erholen. Ich kenne das alles schließlich seit zehn Jahren.“ Die zweite Sorge betraf die Tatsache, dass Griezmann im Spiel gegen Rumänien nicht übermäßig effektiv war, und häufig nach innen zog (hier ausführlich auch bei Spielverlagerung.de), genauso wie Payet, was dazu führte, dass sich die französische Offensive häufig gegenseitig auf den Füßen stand und schlecht eingespielt wirkte. Auch das ist aber keine wirklich Überraschung, schließlich wurde die Tatsache, dass beide Flügelspieler gerne nach innen ziehen im Vorfeld gerade als Vorteil gegen die Rumänen genannt.

Die ganz andere Frage ist, ob Deschamps generell wechseln sollte, gerade angesichts des verlängerten Formats, und Griezmann eine Pause gönnt, zumal das letzte Gruppenspiel gegen die Schweiz durchaus entscheidend sein könnte. Frankreich will unbedingt den Gruppensieg, weil man dann im Achtelfinale gegen einen Gruppendritten antreten darf und im Viertelfinale gegen den Gruppensieger aus Gruppe F (Österreich oder Portugal) oder den Gruppenzweiten aus Gruppe B (England, Wales, Russland?). Gruppenplatz zwei hingegen könnte schon im Viertelfinale gegen die Spanier führen (oder im Achtelfinale gegen die Deutschen, falls die ihre Gruppe nicht gewinnen). Außerdem, ganz generell, rechnet die L’Equipe ihren Lesern vor, liege statistisch die Chance, in ein EM-Finale zu kommen, deutlich höher, wenn man Gruppenerster ist. Als Gruppenzweiter habe man nur eine statistische Chance von 6,5% das Finale zu gewinnen.

Verlierer der Woche II: Paul Pogba

Ganz anders liegt der Fall beim „möglichen Superstar“ Pogba, der auch nach dem Spiel gegen Rumänien das „möglich“ nicht abgeschüttelt hat. Abermals war in einem großen Spiel relativ wenig von ihm zu sehen – und jedenfalls nicht das, was man sich erhofft hatte. Die Radio-Kollegen bei RFI rätselten am Freitag Abend, ob Pogba sich eventuell auf der rechten Seite unwohl fühlen könnte, schließlich spiele er bei Juve zentraler.  Ähnlich äußerte sich auch Paul LeGuen in der L’Equipe. Und France Foot kommentierte: „Pogba klemmt zwischen dem zweiten und dem dritten Gang.“ Pogbas Heatmap zeigt in der Tat einen sehr starken Linksdrall, zwei deutliche Flecken sind an der Seitenlinie und auf der Linksverteidigerposition. Deschamps scheint aktuell zweigleisig zu fahren: Nach außen schützt er Pogba, zum Beispiel indem er ihn konsequent von sämtlichen Presseanfragen abschirmte, und außerdem repetitiv wiederholt: „Paul kann mehr, und er wird auch mehr zeigen.“ Intern allerdings, so heißt es, soll Deschamps deutlicher zu verstehen gegeben haben, dass er auch tatsächlich mehr erwartet. Es ist genau das, was ich bereits vor dem Turnier im Artikel über Pogba angedeutet hatte: Deschamps steckt in der Klemme, einerseits Pogba zu „zähmen“, und dem Sternchen seine Flausen auszutreiben („Es muss Schluss sein mit dem Geflattere“, sagte Deschamps Anfang Juni, wobei „Geflatter“ eine unzulängliche Übersetzung ist für das wunderschöne Wort „papillonner“, das ausdrückt, wie jemand von schmetterlingsgleich von Blume zu Blume fliegt). Gleichzeitig braucht Deschamps den kreativen, übermütigen Pogba als Spielgestalter für die überraschenden Momente.

Verlierer der Woche III: Patrice Evra

Bei all dem Gerede über die vergleichsweise enttäuschenden Offensivspieler ging etwas unter, dass auch die Abwehr nicht ganz überzeugte. Möglicherweise, weil man genau das von der Abwehr zuvor auch erwartet hatte. Die Rumänen verstanden es sehr gut, das Aufbauspiel der Franzosen zu unterbinden, indem sie gezielt Koscielny anliefen und sich Rami, wie befürchtet, limitiert in den Spieleröffnungen zeigte. Ex-Nationalspieler Alain Roche (25 Spiele zwischen 1988 und 1996) kritisierte, dass es im Grunde gar keine Kommunikation zwischen Koscielny und Rami gegeben habe. Der größte Sündenbock war allerdings Patrice Evra, der nicht nur den Elfmeter verschuldete, sondern seine komplette linke Seite sträflich offen ließ. Auch das ein Vorwurf, mit dem sich Evra nicht das erste Mal in seiner Karriere konfrontiert sieht. Immerhin, einen interessanten Einwand gab es in der Debatte: Wenn jemand wie Payet die ganze Zeit nach innen zieht und offensiv so viel Wirbel macht, dass er kaum nach hinten aushilft, dann habe es Evra auf dieser Seite natürlich doppelt schwer. Zu befürchtende Konsequenzen für Evra? Keine. Ersatzmann Lucas Digne (22 Jahre) galt mal als das große Talent, als er noch für Lille und später für PSG spielte, hat sich aber im vergangenen Jahr nach seiner Leihe zur Roma kaum weiterentwickelt und gilt immer noch als eher wacklig. Mehr Auswahl hat Deschamps nicht. Und es nicht bekannt, dass er in Löwscher Manier auf Innenverteidiger setzen möchte.

Gewinner der Woche I: N’Golo Kanté

Komplett in die Mannschaft, ins Bewusstsein der Franzosen und auch in die Herzen der Zuschauer hat sich dagegen Kanté gespielt. Die Statistiken geben all dem recht: Er hatte die meisten Ballkontakte (96), die meisten Pässe (76) und auch die meisten nach vorne gespielten Pässe (55, mit einer durchschnittlichen Länge von 5,58 Metern). Anders gesagt: Während Koscielny und Rami als Spieleröffner kaum zum Vorschein traten, übernahm das Kanté als abkippender Sechser. Seine Heatmap zeigt ihn relativ tief stehend, allerdings gleichzeitig mit großem Bewegungsradius um die Mittellinie. Kein Zweifel: Kanté wird auf jeden Fall auch gegen Albanien wieder auflaufen.

Gewinner der Woche II: Dimitri Payet

Der allergrößte Trubel brach natürlich um den Siegtorschützen Payet los, der schon vor seinem Siegtor sechs Pässe gespielt hatte, die mit etwas mehr Glück zu Toren hätten werden können. In seiner Heimat La Réunion (einer Insel im indischen Ozean östlich von Madagaskar, also eines dieser „Übersee-Departements“, die ganz offiziell „Frankreich“ sind – und damit übrigens auch die Grenze der EU bilden) ernannte eine Zeitschrift auf ihrer Titelseite Payet gleich mal zum Präsidenten („Président Payet“). Payet, sollte man dazu wissen, war eigentlich schon weg vom Fenster. Er ist in der Mannschaft ein eher Spätnominierter (und protifierte dabei auch von dem Wegfall von Valbuena), und dass er überhaupt in den Fokus einer Nominierung rückte, verdankt er wiederum seinem Transfer zu West Ham und einer glänzenden Saison in England, denn auch zuvor in Frankreich flog er bei seinen Stationen etwas unter dem Radar (in Lille hatte er einen Eden Hazard vor sich und in Marseille durfte Valbuena die Freistöße schießen).

Payet selbst erklärt auch gerne, dass es Marseilles ehemaliger Trainer Marcelo Bielsa gewesen sei, der ihm zu einem späten zweiten Frühling verholfen, und bei dem er unglaublich viel gelernt habe. West Hams Trainer Slaven Bilic wiederum durfte in L’Equipe ausführlich davon schwärmen, dass er immer schon Payet als Spieler haben wollte, selbst als er noch Trainer bei Besiktas gewesen sei – aber da sei an einen solchen Transfer nicht zu denken gewesen. (Was englische Fernsehgelder so alles bewirken können). Ex-Nationalspieler Johan Micoud erklärte, er bewundere Payets Schusstechnik: „Viele von uns neigen dazu, bei einem Schuss zu verkrampfen, um nochmal richtig Druck dahinter zu legen, aber Payet hat eine so butterweiche Schussbewegung wie ein Golfer, der zum Schwung ausholt.“ Robert Pires steuerte bei, dass Payet den Ball niemals zum Stoppen bringe, er sei immer in Bewegung. Und so weiter. Um Payet ist tatsächlich eine komplette Manie ausgebrochen, bis hin zu dem Gedanken, dass es vielleicht am Ende gar nicht Pogba ist, der der französische Superstar der EM wird – sondern Payet? Typisch Fußball also: Aus einem einzigen Spiel werden jetzt schon wieder Helden gemacht. Andererseits: Vielleicht liegt auch eine Chance der Franzosen darin, dass sie in ihrem Köcher so einige Spieler haben, die zum Spieler des Spiels werden können.

Und was macht Deschamps jetzt?
Er wird entweder ganz stoisch am 4-3-3 festhalten. Die Statistiken und jüngere Geschichte von Meistermannschaften würde ihn dabei unterstützen: Sowohl Spanien als auch Deutschland rotierten im Lauf des Turniers relativ wenig, und wenn dann höchstens in einem (eher unbedeutenden) dritten Gruppenspiel.

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Das 4-3-3 des Eröffnungsspiels. Die Grafik stammt aus dem wundervollen „Football Manager 2016“, dem ganz generell und sowieso allerbesten Fußballcomputerspiel, wenn man Interesse an Taktik im Fußball hat.

Oder eben, er stellt um. Auf ein 4-2-3-1. Der Charme an der Sache bestünde darin, dass Coman und Martial das Spiel in die Breite ziehen könnten, Payet als Spielmacher weiterhin seine Dribblings, Pässe und Spielübersicht zaubern dürfte, und Kanté weiterhin das machen kann, was er offenbar gerne macht: Den Abräumer vor der Abwehr geben, der gleichzeitig auch noch, falls nötig, ein tiefliegenden Spielmacher oder Spieleröffner werden kann.

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Natürlich darf bei all dem ein Orakel nicht fehlen. Wirklich originell sind Tierorakel ja mindestens schon seit einem gefühlten Jahrhundert nicht mehr, aber bitteschön: Der Zoo von Thoiry, in der Nähe von Paris, hat einen Waran als Orakel auflaufen lassen: Arang, den Waran. Wie der im Video geradewegs auf den Futternapf mit der französischen Flagge zuläuft, um dann misstrauisch stehen zu bleiben und doch lieber scharf nach links abzubiegen, ist in der Tat unterhaltsam.

Fast so schön wie ein Spielzug von Dimitri Payet. Aber nur fast.

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