Abstieg

Seinen Verein sucht man sich nicht aus. Und wenn, dann nicht mit Hilfe einer vollausgeklügelten Analyse. Als ich mich in den 90ern entschieden habe, Freiburg-Fan zu sein, ging es nicht darum, dass es ein „besonders sympathischer“ Verein ist. Um genau zu sein, weiß ich gar nicht mehr, was konkret der Ausschlag war. Vielleicht das Underdog-Image. Vielleicht schon damals das Versprechen, dass hier Fußball gespielt wird, im wahrsten Sinne des Wortes, zelebriert. Frech, offensiv, gleichzeitig mit einem taktischen Unterbau, der damals der Mehrheit der Bundesliga-Vereine abging. Das meiste davon hätte ich damals vermutlich gar nicht in Worte fassen können. Es war ein Gefühl. Eine Emotion. Seinen Verein sucht man sich nicht aus, man wird zu ihm hingezogen. Um in der Metapher zu bleiben: Die „Heirat“ mit dem SC vollzog sich, als ich in Freiburg studierte, mein Wohnheim fünf Fußminuten vom Stadion entfernt. Schon damals habe ich eine komplette Zweitliga-Saison mitgemacht.

Eine Totalkatastrophe

Die Zweitliga-Saison 2002/03 war kurz, glorreich. Ein Jahr Zweite Liga, siegreich durch die Saison gestürmt, Wiederaufstieg. So macht Abstieg Spaß. Wenigstens mal wieder Siege am Band, die Tickets werden billiger, das Bier auch, und man kann auch noch kurzfristig für Freunde Karten organisieren, weil ich die Topspiele nicht monatelang vorher ausverkauft sind. Ich höre und lese in Foren, auf Twitter und in meinem Umfeld immer häufiger, nach dem ersten Schock: „Ach, so langsam freunde ich mich mit dem Gedanken an, dann rocken wir eben die Zweite Liga.“

Ich halte diesen Gedanken für naiv. Ich teile ihn nicht.

Der Abstieg ist eine Totalkatastrophe. Er ist ein Abschuss im vollen Flug. Er hat das Potential, das gesamte Projekt „Freiburg“ zu gefährden oder zumindest für Jahre zurückzuwerfen. Er ist, zu allem Ärgernis, überflüssig und ungerecht, weil der SC von dem berühmten „Papier her“ selten ein so starkes, vielversprechendes, zukunftsträchtiges Team beisammen hatte. Ich hätte gerne gesehen, wie dieses Team sich weiter entwickelt. Wie vielleicht, wie üblich, jede Saison zwei oder drei Leistungsträger gehen, aber die anderen bleiben, und sich schrittweise eine Stabilität entwickelt. Das war der Traum. Er ist zerplatzt. Der Aderlass wird blutig werden, blutiger als ein Splatterpunk-Movie.

Wie viele gehen? Sechs? Acht? Zwölf?

Schon bevor der Abstieg feststand waren die üblichen Gerüchte im Gange, dass einige Spieler den SC verlassen werden, weil sie anderswo bessere Chancen sehen. Ich werfe das niemandem vor, das gehört dazu. Andere Vereine können besser zahlen, haben mittelfristig sicherlich auch bessere Chancen auf das eine oder andere europäische Spiel. Schmid war schon vorher bei Hoffenheim im Gespräch, Mehmedi bei Bremen. Von Sorg hieß es, er schaue auf seine Optionen. Warum auch nicht? Wer jung, talentiert, ehrgeizig ist, der will eine Karriere haben. Auch das war der Freiburger Weg: Ausbilden, Erfolg haben, verkaufen, weitermachen. Solange genug Substanz bleibt – verkraftbar. Ärgerlich war die Saison vor zwei Jahren, als haufenweise Spieler ohne Ablöse davonzogen (von denen übrigens, ironischerweise, kaum einer sich tatsächlich nachhaltig durchsetzen konnte… abgesehen vielleicht von Caligiuri und natürlich dem Kruse-Max). Der übliche Aderlass von diesen Spielern hätte neue Einnahmen bedeutet, die Perspektive auf ein paar neue Gesichter.

Jetzt aber droht der Totalschaden: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bürki, Petersen und Darida bleiben wollen. Um genau zu sein gab es zu allen auch schon entsprechende Gerüchte. Dem SC wird der gesamte Kader wegbrechen, vielleicht wird es noch viel schlimmer, als wir aktuell vermuten. Wenn bei einer „normalen“ Saison drei bis fünf gute Spieler gehen, wie viele sind es dann bei einem Abstieg? Sechs? Acht? Zwölf? Ich fürchte, dass wir mit einer Rumpfmannschaft an Jugendspielern dastehen werden, und selbst für die Abgänge noch vergleichsweise wenig Geld kassieren. Und selbst wenn: Die ausgefallenen Fernsehgelder werden irgendwie gestopft werden müssen, zudem steht ein teurer Stadionbau an, der gerade erst im Winter 2014/15 beschlossen wurde. Es wird kaum Geld in die Mannschaft zurückfließen, mal ganz abgesehen davon, dass die Zweite Liga auch kein Ort ist, an den man Spieler anlocken kann, die, sagen wir „fünf Millionen Euro“ wert wären. Nürnberg hat das nach seinem Abstieg gerade sehr schmerzlich und eindrucksvoll vorgemacht, und die Ausnahme dieser Regel wäre, die Gehälter auf ein Niveau aufzublähen, das Freiburger Gepflogenheiten nicht entspricht. Sowas kann vielleicht RB Leipzig machen, aber nicht der Sportclub.

Jugendliche im Haifischbecken Zweite Liga?

Kurz und gut: Ich rechne damit, dass sehr viel Jugend übrig bleiben wird. Spieler wie Kempf vielleicht, wie „Chico“ Höfler, vielleicht kommt ein Kerk zurück, der sich auch bei Nürnberg nicht nachhaltig durchsetzen konnte. Vielleicht bleibt ein Haudegen wie Frantz. Das ist kein Kader, mit dem man „die Liga rocken kann“. Ich habe ja nun, als Neu-Darmstädter Bürger, die Zweite Liga ein Jahr lang sehr intensiv verfolgt. Natürlich galt dort in der vergangenen Saison dass „jeder jeden schlagen kann“ (deswegen waren am Ende Auf- und Abstiegskampf ja so spannend). Natürlich hat gerade der SV Darmstadt 98 allen gezeigt, dass man auch mit einem Mini-Etat Berge versetzen kann. Aber das war nur halb Fußball-Wunder, und zur anderen Hälfte harte Arbeit, exzellentes Management und eine eingeschworene Truppe ohne Erfolgsdruck. Zumindest letzteres träfe auf den SC schon mal nicht zu.

Und die Zweite Liga wird nächste Saison nicht einfacher. RB Leipzig wird eher noch mehr Millionen reinbuttern. Kaiserslautern wird den dritten Anlauf unternehmen. Braunschweig will sicherlich wieder hoch. Paderborn sowieso. Nürnberg hat sein Übergangsjahr hinter sich und wirkt zur Zeit sehr solide. Wer weiß, vielleicht berappeln sich ja auch noch Vereine wie 1860, Fürth oder Düsseldorf. Ach ja, und es gibt da noch mindestens einen KSC oder einen HSV – und vielleicht eine Überraschungsmannschaft im Stil von Darmstadt. Das sind mal locker ein Dutzend Vereine, die mindestens ebenso gute Möglichkeiten haben, wie ein dezimierter Sportclub Freiburg.

Wiederaufstieg? Ich mag gerne hoffen, aber ich glaube nicht dran.

Ich glaube, dass wir wie beim letzten Abstieg eher drei bis vier Jahre brauchen werden, um wieder ein schlagkräftiges Team beisammen zu haben. In der derzeitigen Situation, mit immer mehr Fernsehgeldern und einer immer stärker klaffenden Lücke innerhalb der Bundesliga ist das verlorene Zeit. Steigt der SC auf, wird er sofort wieder Abstiegskandidat sein.

Eine verschenkte Saison

Das war er diese Saison nicht. „Wunschziel Platz 13“ hatte ich in diesem Blog vor Saisonbeginn geschrieben. Das schien mir sogar realistisch. Ach was: Das war sogar bis zum letzten Spieltag realistisch. Wären die Ergebnisse für uns gelaufen, hätten wir Platz 14 oder Platz 13 noch erreichen können. Mit Bürki hatten wir einen sensationellen Keeper, mit Kempf, Mitrovic und Höhn eine Innenverteidigung, die jung war, aber talentiert. Mit Schmid einen genialen Flügelflitzer, mit Klaus einen Gegenpart mit großem Potential. Mit Darida einen tollen Ballverteiler. Mit Mehmedi einen Stürmer, der auch trifft, mit Petersen einen Stürmer, der noch besser trifft. Dazu noch haufenweise Rohdiamenten in der Hinterhand. Die perfekte Freiburger Mischung: Ein paar Haudegen, eine Menge richtig guter Techniker, jede Menge Talente.

„Diese Mannschaft ist zu gut, um abzusteigen“, war auch der Satz, den ich 2002 im Ohr hatte. Es ist ein trügerischer Satz. Eine Mannschaft, die „eigentlich“ gut ist, aber die Ergebnisse nicht reinbringt, ist nicht zu gut um abzusteigen, sondern steigt verdient ab. Man merkt es nur nicht. Es ist wie mit der Metapher mit dem Frosch und dem Kochtopf: Hier noch ein Tor in letzter Minute kassiert, dort ein „tolles Spiel gegen ein starkes Gladbach/Bayern/Wolfsburg“ eigentlich irgendwie unglücklich verloren. Überall Hoffnungsschimmer, überall „ach, das waren doch gute Ansätze“ – und auf dem Punktekonto bleibt nichts. Schön spielen und schön sterben. Auch damit verdient man sich einen Abstieg.

Jahrhundertkampf? Jahrhundertfrust.

Das ist es ja, was den SC offenbar auch in den Augen vieler so „sympathisch“ macht: Sie spielen schön, sie haben ein taktisches Konzept, sie wollen Ballstaffetten, Doppelpässe und Angriffspressing… aber sie hauen sich durch individuelle Fehler noch den Gegentreffer rein oder vergessen vor lauter Schönheit die Tore zu schießen. Klar doch, dass so ein Verein „beliebt“ ist: Man hat Spaß gegen ihn zu spielen, und die Punkte lassen sie auch noch da. Irgendwie alles ganz „nett“, aber auch zahnlos. „Schade, dass Freiburg abgestiegen ist“, hört man jetzt häufig, und zwar gleich gefolgt von „Naja, aber das ist halt auch ein kleiner Verein, war ja zu erwarten.“

Auch das ist so frustrierend: Der „Brutalste Abstiegskampf der Bundesliga“ seit Jahren, ach was, Jahrzehnten, Jahrhunderten, Äonen, wurde angekündigt: Sechs Mannschaften können noch absteigen und alle können sich noch retten. Spannung! Der jahrhundertste Jahrhundertkampf seit Mayweather gegen Pacquiao. Mindestens. Und was passiert am Ende? Es steigen die zwei Vereine ab, die schon vor dem ersten Spieltag eh jeder auf dem Zettel hatte! Wie langweilig. Wer sich in ein paar Jahren über die Abschlusstabelle beugt, wird nichts ungewöhnliches feststellen (außer vielleicht dem HSV auf Rang 16, was aber bei Nichtabstieg ebenfalls nur eine Fußnote sein wird).

Nette Worte – ohne Wert

Freiburg hätte frech und fröhlich den Kopf erheben können, und ein paar gestandenen Vereinen mit höheren Zielen zeigen können, was erfolgreiche Jugendarbeit, Glaube an den Trainer und Zusammenhalt können. Stattdessen haben sie nur bewiesen, dass Armut keine Tore schießt, Jugend zu wenig Erfahrung besitzt und kleine Vereine eben doch das Nachsehen haben. Den Beweis, tatsächlich etwas Besonderes zu sein, sind sie schuldig geblieben. Auch das schmerzt. „Tätschel, tätschel – schade, dass ihr geht, aber naja, ihr seid’s ja gewohnt. Ihr kommt bestimmt wieder, wir gönnen es euch… etc. etc.“ Nette Worte, aber ohne Wert. Ehrlich gesagt? Mir wäre das Geheul und Gezeter von abgestiegenen Riesen wie Stuttgart, Hamburg oder Hannover lieber gewesen. Natürlich. Und wie wenig die Sympathie tatsächlich wert ist, wenn es um die Wurst geht, hatte sich ja gerade eine Woche vorher gezeigt: Die „Wettbewerbsverzerrungs“-Debatte war auch deswegen so beledigend gewesen, weil der Einsatz des SC darin gar nicht vorkam. Wenn Freiburg gegen Bayern gewinnt, dann haben sich die Bayern nicht gut genug angestrengt. Ob Freiburg gut gespielt hat, war in dem Moment egal. Beliebt ist der SC nur dann, wenn er schön spielt, heldenhaft kämpft, aber brav die Punkte abgibt. In den Ohren eines SC-Fans war die gesamte Debatte inklusive des „Pissverein“-Höhepunkts ein gnadenloser Shitstorm, der dadurch umso perfider wurde, dass er Freiburg mit arroganter Nichtbeachtung abstempelte. Ich gestehe: Selten habe ich so an der Seite von Bayern-Fans gestanden, wie in diesen Tagen. Der Unterschied: Als Bayern-Fan hatte man wenigstens seine Arroganz des Siegers („Was juckt es die Eiche, wenn die Sau…“). Als Freiburger hatte man nur die Kraft der Argumente, und was zählen Argumente schon im Fußball-Diskurs?

Fehler? Einige…

Und was ist dieser Abstieg jetzt? Ein Versehen? Ein unglücklicher Zufall? Ein einziges Tor nur gegen Hannover, und alles wäre anders gewesen? Mag sein. Aber am Ende gilt eben doch die Fußball-Phrase „Die Tabelle lügt nicht“, und wer am Ende so wenig Punkte macht, hat vorher Fehler gemacht. Die Tatsache, dass Streich peinlicherweise in der Vergangenheit immer so unglaublich gerne auf Schiedsrichter eindrischt (obwohl er sich zuletzt deutlich am Riemen gerissen hat), verbietet es mir reflexartig, die möglichen Fehlentscheidungen auch nur als Grund zu nennen. Daran kann es nicht liegen. Woran dann?

Es liegt sicherlich daran, dass die Mannschaft offenbar zu nervös war. Zu jung, zu wenig gefestigt, zu sehr abhängig von dem individuellen Fehler, der nach einer guten Partie doch noch alles zunichte macht. Es liegt sicherlich auch daran, dass Streich nicht aus seiner Haut kann, und sein im Grunde durchdachtes System auch mal über den Haufen wirft. Da ist er nicht der einzige. Klopp und Guardiola haben in exakt derselben Saison ähnliche „Schwächen“ offenbart. Nur leider hat der SC dann eben doch nicht die individuelle Klasse dieser beiden anderen Teams. Ich bin kein Trainer und halte mich mit Couchanalysen zurück, ich weiß nicht, ob es erfolgversprechender gewesen wäre, Petersen häufiger von Beginn an zu bringen, aber ich kann sehen, wie Streich auffallend häufig an der Seitenlinie hofft, sein Plan gelinge noch irgendwie – und vergeblich darauf hofft, und wartet, und ihn erst ändert, als es zu spät ist.

Es bleibt: Leere

Achso, und Verletzungspech hatten wir natürlich auch. Gerade bei einer Mannschaft wie Freiburg, die vom Zusammenspiel abhängig ist, davon, dass das Pressing funktioniert und die Verschiebungen im Mittelfeld, die Manndeckungen, das gesamte Freiburger System, gerade da ist jede Verletzung fatal, wenn sie das Gefüge zerreißt. Wobei auch das Mannschaften wie Dortmund und Bayern genauso ging.

Es gab Gründe für das Versagen, diese und jene, und alle möglichen, und es ist müßig, frustrierend und herzzereißend, sie zu suchen, denn am Ende bleibt vor allem: Leere.

Abstieg.

Der SC befand sich inmitten eines wunderbaren Projekts, einer vielversprechenden Phase. Er ist in vollem Flug abgeschossen worden, und ich befürchte, er ist lebensgefährlich getroffen. „Ihr seid Abstiege doch gewohnt“ ist auch noch so ein Spruch von anderen Fans. Nein, bin ich nicht. Ich habe schon drei Abstiege hautnah erlebt, aber an einen Abstieg gewöhnt man sich nicht, außerdem ist jeder Abstieg anders. Dieser hier tut weh, aus all den Gründen, die ich aufgezählt habe. Er hinterlässt ein Loch. „Liebe kennt keine Liga“ skandieren jetzt die SC-Fans. Richtig. Mag sein. „Spieler gehen, Fans bleiben.“ Auch korrekt. Aber Spieler sind letztlich auch die Atome, aus denen sich ein Verein zusammensetzt, und aktuell weiß ich gar nicht, was mein Verein ist, wie er nächste Saison aussehen wird. „Mein Verein“ besteht aktuell nur aus Geschichte, aus Erinnerungen, aus einer Philosophie. Das ist schön, aber das ist auch abstrakt. Das ist, als halte man sich an einer Liebe durch Erinnerungsfotos fest.

Vielleicht schöpfe ich wieder Hoffnung zur neuen Saison. Wenn der Aderlass erstmal vorüber ist, und die ausgeblutete Leiche sich zitternd erhebt und feststellt, dass sie noch am Leben ist. Bis dahin ist erstmal: Leere.

Leere.

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